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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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man aber wissenschaftlich zu denken begann, so ging man daran,System in die Materie zu bringen und nach allen möglichen Prin-zipien Einteilungen des Stoffes zu machen. So sagt Rohr, dermit Gerhard zu den ersten gehört, die Lehrstühle für die Kamera-listen fordern: »Die Kameralwissenschaft lehrt die Fürsten nichtnur, ihre Mittel gut zu bewahren, sondern auch das Glück ihrerUntertanen zu befördern und ihre Ökonomie zu ordnen« 63 ).

Noch ein Punkt kommt in Betracht: die Neukameralisten bildenin ganz anderem Maße die Polizei aus, als es bisher geschehenw r ar. Der nun absolut gewordene Staat kennt nur den »beschränk-ten Untertanenverstand«, versucht aber für den unbedingtenGehorsam, den er von dem einzelnen fordert, die Sorge um seinWohl und Wehe zu setzen, um die Menschen so der Glückselig-keit entgegenzuführen. All den Maßregeln und Vorschriften, dieman zu diesem Zweck brauchte, sollte die Polizeiwissenschaftdienen, die man jetzt ausbildet, und die auch in den Gedankenkreispolitisch-ökonomischer Betrachtungen gehörte. Die Polizeiwissen-schaft lehre, meint Dithmar, wie das äußere und innere Weseneines Staates zu erhalten sei; daher müsse die Obrigkeit dafürsorgen, daß die Untertanen gottesfürchtig und gesund seien unddie nötigen Lebensmittel haben. Die Kameralwissenschaft aberlehre, wie die fürstlichen Domänen und Regalien gut benutzt, unddurch sie wie auch durch die schuldigen »Prästasionen« der Unter-tanen und andere öffentliche Einkünfte die fürstlichen Einnahmengehoben, verbessert und zur Erhaltung des gemeinen Wesens ver-wandt werden könnten. Er kennt auch noch eine »ökonomischeWissenschaft oder Hauswirtschaft und Haushaltungskunst«, die lehre,wie durch eigene ländliche oder städtische Beschäftigung Mittelund Reichtum zur Beförderung irdischen Glücks gewonnen werdenkönnten 54 ). Es entsteht ein methodologischer Streit um die Frage,wieweit die Polizeiwissenschaft zu den Kameralwissenschaften ge-höre. Während beide Materien von Dithmar und anderen ein-ander gleichgestellt wurden, ordnet Justi, der bedeutendste derNeukameralisten, die Polizei den Kameralwissenschaften unter. MitRecht! Denn aus den gelegentlichen kameralistischen Schriftenökonomischen und politischen Inhalts hatte sich eine Wissenschaftentwickelt, die all diese Fragen um das Wohl und Wehe des Staatsbehandelte. Die Kameralwissenschaften waren Staatswissen-schaften geworden, wie man noch heute beide Begriffe identifiziert.

Justi gibt folgende Erklärung für den Begriff der Policey:»Heut zu Tage wird das Wort Policey in zweierley Verstände