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starb in der Fremde, vertrieben. Erst lange nach ihrem Todewurden sie gewürdigt, ihre Ideen aber wirkten ungehindert fort.Wie List mit seiner Forderung eines großen, starken Deutschlands ,das nach innen und außen geschlossen sein sollte, zum Neomerkan-tilisten wurde, so gab Becher, der Kameralist, in seinem »PolitischenDiseurs« auch ein »Nationales System der politischen Ökonomie«.Wir haben in dem »Politischen Diseurs« ein Werk vor uns,das sich von den Büchern der Bornitz und Besold dadurch unter-schied, daß es nicht deskriptiv war wie jene, sondern dem Ldbenabgelauscht. Becher gilt als der typische deutsche Merkan-tilist; daß er auch zu den alten Kameralisten gehört, ist schonim I. Teil betont worden, eine Betrachtung seines Lebens undseiner Schriften wird das noch bekräftigen. Das 17. Jahrhunderthatte den merkantilistischen Ideen überall zum Durchbruch ver-holfen, in England durch Cromwell, in Frankreich durch Colbertund in Deutschland vor allem durch die Kameralisten. Wenn beiden Autoren des 16. Jahrhunderts die fiskalischen vor den volkswirt-schaftlichen Momenten bisweilen die ausschlaggebenden waren, sohatte sich dies Verhältnis nun umgekehrt, ohne daß wir aber dieihnen charakteristischen privatwirtschaftlichen Ideen ganz zu missenhätten.
Daher ist es mir unverständlich, wie Small behaupten kann:Becher sei nicht im vollen Sinn des Wortes ein Kameralist 3 ).Wenn er meint, er hätte sich selbst nicht für einen Kameralistengehalten, so besagt das gar nichts, denn es wurde schon gezeigt,daß keiner von all denen, die wir hier als Kameralisten behandeln,sich so nannte, weil das Wort damals eine andere Bedeutungals heute hatte. Mit Unrecht schreibt auch Small Becher einBuch wie den »Klugen Hausvater« zu, was schon Roscher 4 ) tat,der ihm deshalb »Charlatanerie« vorwirft. Bechers ältester Bio-graph, Bücher, hätte Small überzeugen können, der schon 1717in einem Brief an Roth-Scholz schreibt: »Den klugen Hausvaterhalte ich nicht vor seine Arbeit, er gedenket dessen auch nichtin seinem Catalogo, und zudem habe ich ihn unter dem NamenSturm edirt gefunden« 5 ). Sehr richtig meint Erdberg hierzu:»Daß der Name unseres Gelehrten in dieser Weise mißbrauchtwurde, ist ein Beweis für die Beliebtheit, deren er sich bei derLeserwelt erfreute« 6 ). Aber auch in anderer Hinsicht hat Smalldas Wesen dieses bedeutenden Mannes nicht erfaßt. Wenn mannicht die leitenden Ideen einer Bewegung wie der des Merkanti-lismus erkennt und nicht erforscht, was für Gedanken die Männer