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dieser Zeit erfüllten, nur dann kann man eine Stelle in BechersWerk, die mit weitem Blick das Ineinandergreifen aller Ständefordert und damit die Arbeitsteilung im Volke klar erkennt, somißverstehen und sie gleich »Perlen für die Säue« an-schauen. [»I cannot refrain from pointing out the resemblanceof the first part of this remarkable passage to a pearl in aswine’s snout« 7 ).] Doch auch Nielsen vermag ich nicht zufolgen, der die drei Österreicher »praktische Kameralisten« nennt 8 ).Es gibt kaum bessere Beweise für seine einseitige Auffassungvon Kameralismus als gerade sie. Er meint, zwar auch aristo-telische Anschauungen bei ihnen zu finden — was ich gar nichtbestreiten will, nur möchte ich den Ton auf das Wörtchen »auch«legen —, nennt sie aber Männer, »die doch scheinbar mit derwissenschaftlichen Politik, wie sie an den Universitäten gelehrtwurde, gebrochen hatten«. Ich glaube, sie hatten es wirklich,nicht nur scheinbar getan, was wir später vor allem noch beiSchröder sehen werden. Wenn Becher und die anderen gelegent-lich Gedanken äußern, die denen des Aristoteles ähnlich sind, sobeweist das wieder, daß die Ideen des großen Griechen mit dazubeitragen, den Kameralismus entstehen zu lassen. Aber leitendwaren sie gewiß nicht!
Johann Joachim Becher *) wurde wahrscheinlich 1625 zuSpeyer geboren, wenn er auch selbst das Jahr 1635 angibt, wo-gegen aber manche Gründe sprechen. Sein Vater, ein hoch-talentierter Mann, war Pfarrer, starb aber früh. Nach seinereigenen Erzählung hatte er nun für die Mutter und die Ge-schwister zu sorgen. Er war völlig Autodidakt und scheint sichzuerst den Naturwissenschaften gewidmet zu haben, die so vieleMänner jener Zeit an sich zogen. Wohl wegen seiner Heiratmit der Tochter des Mainzer Hofrats Wilhelm von Hornigk trater zum Katholizismus über; wurde bald danach Leibarzt desKurfürsten von Mainz und Professor der Medizin an derdortigen Universität. Daneben trieb er philologische Studien.In Ungnade gefallen tritt er in die Dienste des Kurfürsten Lud-wig von der Pfalz und wird nun Volkswürt. Er beschäftigtsich mit den verschiedensten Plänen, und sein immer reger Geist
*) Ich verweise bezüglich einer ausführlichen Biographie auf die treffliche Schriftvon Dr. R. v. Erdberg: Johann Joachim Becher , Jena 1896, obwohl auch sie dasDunkel, das über Bechers Leben lagert, in vielem nicht lichtet und bei der Fülle seinerSchriften keineswegs eine erschöpfende Darstellung bietet. Sollte hier nicht noch vielzu erforschen möglich sein?