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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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zum Mitglied des Kommerzkollegiums ernannt und mitkaiserlichen Instruktionen nach Holland geschickt, um den öster-reichischen Waren ein neues Absatzgebiet zu schaffen. Auchder bayrische Kurfürst gab ihm Vollmacht in gleichem Sinne.Aber beiden Staaten war es nicht ernst mit den Einigungs-bestrebungen; als Becher nach München zurückkehrte, hatte in-zwischen die Hetze gegen ihn begonnen, und doch harrte er aus.Auch ließ man ihn dort noch nicht fallen, er wurde abermalsnach Wien gesandt, um mit Nachdruck für die bayrischen Wünscheeinzutreten. »Das war der Grund, weshalb die leitenden Staats-männer Münchens den in Wirklichkeit gehaßten und verachtetenMann noch hielten.« In Wien hielt man ihn hin, beschuldigteihn der Vernachlässigung seiner Pflichten, auf Betreiben desKammerpräsidenten Grafen Zinzendorf leitete man einDisziplinarverfahren gegen ihn ein, dem er aber entkam. Im Juni1666 wurde der Konflikt äußerlich beigelegt; Becher verließ dasungastliche Wien.

Er kehrte nach München zurück, stand er doch nochin den Diensten beider Staaten; aber auch hier hatte er ausgespielt,er galt »bei seiner diplomatischen Gewandheit von Anfang annichts anderes als ein vorübergehendes Werkzeug«. Wenn erauch ehrgeizig oft an sich selbst denkt, so läßt sich nicht leugnen,daß er sich unermüdlich für die große Idee einer wirtschaftlichenEinigung Deutschlands opfert. Von irgendeinem Treubruchkann also keine Rede sein. Hier in München widmet er sichwissenschaftlichen Studien, schreibt ein philologisches Buch,die »Methodus didactica«, ein bedeutendes chemisches, die»Physica subterranea« und ein Beweis seiner Vielseitigkeitsein bedeutendstes volkswirtschaftliches Werk, den »PolitischenDiseurs« 1668, in dem er zum Teil die schon in den einzelnenGutachten niedergelegten Gedanken systematisch zusammenfaßte.Er hat ihn gleichsam als Streitschrift geschrieben: »So hab ich,wiewohl ich nicht danach frag, ob mich böse Leute schelten . . .demnach der Wahrheit zu steur, und andern meinen ehrlichenFreunden zu Gefolg, gegenwärtiges Büchlein anstatt einer Verant-wortung geschrieben« 10 ). Das Werk entstand also, »um den Leutenzu beweisen, daß er in Handelsangelegenheiten durchaus kein Laiesei« [Erdberg ] 11 ). Der Ton war so scharf, daß man das Buchunterdrückte, bis er es gemildert 1673 herausgab. Sein niemalsruhender Geist erwog inzwischen neue Pläne, er wolltg Deutsch-land an der Kolonialpolitik teilnehmen lassen und gründete eine