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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Ratsherren die Aristokratie und der gemeine Rat die Demokratieverkörpern. Das Deutsche Reich wird so regiert, »dann da istder Römische Kayser das Ober-Haupt / und präsentiert einen Monar-chen / die acht Chur-Fürsten seynd die Seniores Jmperij, & Patresconscripti, die Fürsten / Ständt / und Stätte des Reichs praesentirengleichsam Democratiam« 34 ). Aber das gemischte Regiment sollso beschaffen sein, daß der Fürst, hier also der Kaiser, am meistenzu sagen habe. Denn die Regierung ist die beste, betont er nocheinmal, »welche ein Weltliches Haupt / das eine Succession hat /zur Regirung habe / und dass diesem beygefügt werden Land-Ständte« 35 ).

Nach diesen staatsrechtlichen Untersuchungen über die besteRegierungsform wendet sich Becher an den Fürsten selbst undbehandelt dessen Pflichten. Er ist hierin durchaus nicht originell,schon Osses Testament war hundert Jahre vorher ebenso verfahren,und Loehneyss »Aulico Politica« ebenso wie Seckendorffs»Fürstenstaat« behandelten denselben Stoff. Nur darin ist er vonihnen unterschieden, daß er auch hier wie stets knapp ist,wenn auch viele seiner Vorschriften nicht minder banal wirkenwie die der anderen. . Zuallererst muß der Fürst die Recht-mäßigkeit seiner Regierung prüfen, dann aber muß er, der Ord-nung halten soll, selbst ordentlich sein und alle Geschäfte zu ihrerZeit erledigen: »nicht Brieff schreiben / wann man in die Kirchengehen / nicht jagen / wann man zu Rath sitzen / nicht spielen /wann man Audientz geben / nicht arbeiten / wann man essen soll« 36 ).Soweit also glaubte Becher die Fürstentätigkeit regeln zu müssenwar es doch die Zeit, in der jede Lebensfunktion genau staatlichabgezirkelt und festgesetzt wurde. Und man sah darin das Heilund den Weg zu einer guten Regierung, wenn man es selbst mitdem Fürsten so machte. Wenn auch noch so oft der Staat mitder Person des Fürsten identifiziert wurde, woraus sich naturgemäßder Absolutismus entwickeln mußte, so stand den Kameralisten derStaat über dem Fürsten, gleichsam wie den alten Griechen Moiraunsichtbar über Zeus thronte. Dann müsse, fährt Becher fort,der Herrscher das Regieren auch verstehen. Manche Fürsten verständen so wenig, daß sie nur ihren Räten folgten, mancheso viel, daß sie niemand folgen wollten. Viele seien zu arbeitsam,andere zu faul, oder zu langsam, oder zu schnell und so fährtBecher in dem Gegenüberstellen von Gut und Böse fort und ent-scheidet sich für das Horazische »Auream quisquis mediocritatem ...«Ein Fürst muß ferner beherzt sein und auf die Ehre seines Landes