anderen alten Kameralisten bisher taten. Es tauchen hier dieIdeen von der Glückseligkeit der Menschen auf, die den Aus-gangspunkt seiner ethisch-philosophischen Schriften bilden. Aufdie heilige Fünfzahl der göttlichen Eigenschaften baut er nunalles Weitere auf. Denn so finde man »fünfferley Stand / Gesetzeund Regirungen / der Geistliche Stand / und derer Gesetze gehendie Religion an / die Moral-Gesetze gehen die Ehr / Tugend / guteSitten / und den Adel an / der Doctrinal-Stand / und dessen Gesetzegehen die Gelehrte / und Wissenschaften an / das Civil Gerichte /Haab / Nahrung und Güter / das Criminal Gerichte Leib / undLeben« 49 ). Um diese fünferlei Gesetze zu erhalten, habe Gott die Obrigkeit eingesetzt, daher müsse man ihr als seinem Stellver-treter gehorchen, sie aber habe die Pflicht, das Volk in gutenSitten, Gottesfurcht und bei guter Nahrung zu erhalten. Dochzwei schwere Fragen erheben sich, zunächst: wie der Fürst »eineErbliche Succession und vollkommenlichen Gewalt über die Unter-thanen bekommen« könne, und ferner, ob die Untertanenbösen Fürsten, die nur an ihren eigenen Nutzen dächten, folgensollten. Daß Becher diese für die damalige Zeit des beginnendenAbsolutismus etwas heikle Frage überhaupt stellt, zeugt von seinemfreien Sinn und beweist wiederum, daß ein Kameralist weder einAbsolutist noch ein Fiskalist zu sein braucht, der zu allem, wasder Herr tut, Ja und Amen sagt. Beantworten kann er dieseFrage kaum; und was er darauf erwidert, ist nicht gerade sehrklar und fest. Wenn eine Obrigkeit ihre Untertanen bedrückt,meint er, kann eine andere eingreifen, um die Bewohner zu schützen.Der Tragweite dieses Vorschlags war er sich wohl kaum bewußt.Die Untertanen aber, die sich zu sehr bedrückt fühlen, sollen aus-wandern. Das war schließlich die einfachste Methode, nur ginges bei den Leibeigenen nicht, denen er deshalb empfiehlt, auszu-harren und ihre Bedrückung als eine Strafe Gottes anzusehen.Die Untertanen hätten kein Recht, ihre Herren zu zensieren;sie sollten bei den Nachbarn klagen, wenn es not wäre. Auchsei die christliche Leibeigenschaft ganz anders als eine heidnische.Sehr positiv sind seine Vorschläge nicht; er hofft zu Gott, derdie ungerechten und tyrannischen Fürsten strafen wird, und sagttief bewegt: Es »thun derohalben diese Regenten über die massenübel /ja begebe sich all ihrer Gewalt / welche nur ihrer Unter-thanen / als des Viehes zu ihrem privat Nutzen geniessen / aberauff ihrer Unterthanen Heyl weder zeitliche / noch ewige Wohlfartnicht einmal gedencken,« ihnen wird der Rächer erstehen, denn
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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
Seite
217
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