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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
Entstehung
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Vaterlands Wohl kümmere, zwar klagten alle Leute »dass Teutsch-land arm an Volck / Nahrung und Gelt seye / und dass die Com-merden / Handel und Wandel in Abgang kommen / was manaber vor ein Mittel vorschlägt / das ist nicht angenehm« 90 ). »ÜberLandt und Wasser / in grosse Stätte und Residentzien«, in allemöglichen Länder und Städte, ja um die ganze Erde könnte derdeutsche Handel gehen, denn jeder Ort habe seine besonderenGaben 91 ). So tritt er voll Feuer für seine weltwirtschaftlichenPläne ein, die Deutschlands Größe bewirken sollen*).

Nach diesen handelspolitischen Ausführungen gibt Becher einePrivatwirtschaftslehre des Handels. Vier Flügel sind, someint er, der Kaufmannschaft verliehen: »Verstandt / reso-lution, Freyheit und Gelt« 92 ), und wenn einer fehlt, hinkt dasGanze. Was den ersten Punkt betrifft, so braucht ein Kaufmannein redliches und sorgfältiges Gemüt, denn auf ein bloßes Worttraut man oft viel tausend. Aber auch Fleiß und Mühe sindnötig. Ein Kaufmann hat vielerlei zu bedenken: mit wem, wohin,womit, wie er handeln soll. Er muß wissen, daß die Kaufleutedem Adel verhaßt sind, muß sein Kapital kennen, »dann mitlaerer Faust einen Handel anzugreiffen / ist Thorheit / und mitfrembder Leuthen Gelt trafigiren, gefährlich« 93 ). Auch soll er Be-ziehungen pflegen, Bücher führen, nicht geizig und verschwenderischsein und »mehr im contor, als in dem Beichtstuel ... so langauff der Börss / als in der Kirchen« sitzen. Das fordert er allesvon dem Kaufmann, da er die Grundstütze des Staates ist:»ein Kauffmann ist ein subjectum, wo vor allen anderen vocationenalle Tugenden hervorleuchten können / und auch müssen / wilman anderst wolfahren« 94 ). Er muß auch die kennen, mit denener handelt: »mit Juden /wird man ohnfehlbar betrogen«; muß be-denken, daß der andere ihn stets übervorteilen will; er darf nichtmehr kreditieren als er hat, nicht mehr borgen, als er sich einzu-fordern getraut; die Kunden muß er hüten, mit Hofhaltungen nurbar handeln und mit seinen Nebenhandelsleuten in Frieden leben.Dann hat er zu wissen, woher er die Güter holen, wohin er sieverhandeln kann, muß die Zölle, die Wege kennen, sich mit Pässenversehen. Es ist auch gefährlich, nur an einem Ort zu handeln.Schließlich soll er überlegen, womit er handelt, wie die Güter ver-packt, verhandelt werden, das erfordert ebenso Kenntnis der Märkteund der Art des Handels. Deshalb gibt Becher verschied eneRegeln:

*) An dieser Stelle findet sich das Gedicht über all die Städte, die zu besuchensind, das ich im I. Teil, S. 91 anführte.