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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Wie schwer es sein würde, mit diesen kolonialen Plänendurchzudringen, wußte Becher wohl, denn Deutschland war fürsie noch längst nicht reif. Das waren Abenteurer, die über Seezogen, und das Volk hielt den Grafen von Hanau für den Königim Schlaraffenland. Deshalb will Becher die verschiedensten Ein-wände widerlegen, ehe sie erhoben werden. »Es ist besser inDeutschland bleiben / als Deutschland Menschen arm machen«,hört er seine Gegner sagen, die darüber erstaunt sind, daß Holland nicht selbst von dem Hanauschen Land Besitz ergriffen habe. Daserkläre sich daraus, daß die Niederländer nur den Handel und nichtden Ackerbau pflegten, und deshalb auch andere Kolonien abgegebenhätten, erwidert er ihnen 157 ). Wenn die Kolonisierung vieler Gegendenfehlgeschlagen wäre, hätte man noch keinen Grund an der deutschenM Kolonie zu verzweifeln, denn dort habe man falsche Mittel angewendet.

Die Spesen könne man nicht groß nennen, wenn man bedenke,wie schnell das hineingesteckte Kapital sich verzinse, und wie nütz-lich die Kolonialprodukte der heimischen Volkswirtschaft wären 158 ).Becher kannte die Schwäche seiner Landsleute nur zu gutund wußte, daß sie wenig seetüchtig waren, und die Erinnerungan die glorreiche Llansezeit längst bei ihnen geschwunden war.So sagt er voll Ironie: »In dem siebenden Einwurff / welcher /wann man die Warheit sagen soll / schier bey der HochteutschenNation der gröste ist / findet die Opposition, daß es weit überMeer sey / die Schiffahrt gefährlich / und leicht ein Unglückgeschehen sey / diß ist das eintzige / was die Hochteutsche Nationeckelt / nämblich der große Bach / es ist wunder / daß sich dieDeutschen so vor dem Versauffen fürchten / da sie doch so gernsauffen / und die Hochteutschen ihr Lebenlang mehr in Wein alsin der See versoffen«. So »scheinet gleichsam eine WeibischeFurcht vor der See in unserer Hochteutschen Nation zu seyn«,obwohl die Reise wenig gefährlich ist. Ebensowenig ist dort derAufenthalt der Gesundheit schädlich, falls man nicht unmäßig lebt 158 ),i Der Einwand, daß durch die Kolonisierung das Mutterland

entvölkert würde, mußte in jener Zeit, da man für eine möglichstgroße Bevölkerung wirkte, sehr gewichtig sein. Aber Becher' nennt die »einige Naß weise und das Gras wachsen hörende Hoch-

teutsche Maul-patrioten«, die da meinen, »daß durch Auffrichtungneuer Colonien in West-Indien / Deutschland Menschen arm unddepopulirt werde«. An Menschen hat Deutschland Überfluß, nurder Geldmangel mache es arm, wäre es da nicht besser, daß viele