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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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gelassen zu suchen / biß ich den Ursprung un Grundquelle Selbstenangetroffen.« So will er den Menschen den Weg zur Glück-seligkeit weisen 197 ).

Den Menschen geht es schlecht auf Erden, aber keinerkann des Unglücks Ursache finden: einige beschuldigen Gott ,andere den Teufel, »andere / daß die Juden / Kauffleut / Wexler /Finanzirer / Item / die grosse Städt alles Geld zu sich ziehen / undnichts arbeiten«. So bleibt zuletzt die Armut zurück. Welchesaber ist der Grund des Unglücks? fragt Becher: weil sich dieMenschen von ihrem wahren Ziel, der Glückseligkeit,entfernten. Dahin allein führt der Weg, denn die Glück-seligkeit ist den Menschen angeboren, da »die Natur unsalle / so wir nur wolten / habe glückseelig haben wollen« 198 ). Becherstellt sich mit diesen Gedanken keineswegs in Gegensatz zu denpolitischen, die er in seinen anderen Schriften vertritt. Denn dieIdee der Glückseligkeit, wie sie in dieser Zeit von Leibniz und Thomasius, von Descartes und Spinoza , von den englischenMoralisten und den deutschen Aufklärungsphilosophen angenommenwurde, war der des Merkantilismus immanent: so trat derEudämonismus als der ethische Gehalt dem politischengegenüber, woraus die Auffassung des allesbeglückenden undallesbevormundenden Staates resultierte.

Höchste Glückseligkeit ist die Liebe zu Gott : »KeineNation ist jemahlen unter der Sonnen gewesen / die da nichtgeglaubet hätte / das nicht etwas über uns alle seye / so man Gottnennet / wiewolen was der GOtt seye / und wie er wolle geehretwerden / unterschiedlich nochmahlen ist genommen worden / darumhalte ich nicht / das Atheisten seyn.« Jeder habe die Begierde zuglauben, und das sei Religion. Das ist ein freimütiges Bekennt-nis Bechers. Aber wir dürfen nicht begehren, wie Gott sein zuwollen, der uns einen Zaum gab in den Gesetzen, der Obrigkeitund der Rinderzucht, um die es heute übel steht 199 ). Ganz natur-rechtlich äußert sich Becher hier über die Obrigkeit: »Abervergebt es mir ihr Herrn /ists nicht wahr / daß wir alle Menschenund Bürger der Welt seyn? Ja. Wo rühret dann die Leih-bibliothek in München zu ermitteln, auch die Kgl. Bibliothek in Berlin besitztseit 1906 ein Exemplar. Den beiden Biographen Bechers: Bücher (1722) und Erd-berg (1896) blieb er unbekannt, Erdberg schreibt darüber: »Dieses interessante Werkscheint leider ganz verloren zu sein« (a. a. O., S. 79). Vgl. meinen Aufsatz: »Einneuentdecktes Buch Bechers« im Archiv für Sozialwissenschaftund Sozialpolitik, 37. Jahrg., Heft 2, September 1913, S. 578587.