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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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und führen.« Beamte gibt es genug, aber keinen einzigen, derdie Fallenden aufrichtete und die Verlassenen tröstete. Die Kunst,ein Land glückselig zu regieren, wird auf keiner Schule gelehrt 205 ).So will auch der Ethiker Becher nicht zwischen Fürsten - undVolks wohl trennen, beide sind ihm unlöslich miteinanderverknüpft.

Das letzte Mittel zur Glückseligkeit ist ein »nähererZugang zu unserm ersten Beruff. Es ist aber unser Beruffzweyerley / nemblich in jener und dieser Welt«. In jenerWelt sind wir zu Erben des Himmels, in dieser aberzu einem Probierjahr berufen; hier müssen wir für unsernLeib sorgen, doch nicht mehr als nötig ist, wir aber lebenin Luxus und Überfluß 206 ). Der Bauernstand schafft die wahreNahrung, das ist der erste Stand. Da kann man beten undstudieren, da wird man gesund; so ist das »die erste Vocation«,so daß »wir auch so lang zu keiner Vergnügung kommen werden /biß wir dahin gelangen / dann darvon leben alle andere Stände /so Geist- als Weltlich«. Wenn aber jemand einwendet, daßder Bauer verachtet sei, dem sei erwidert, sagt Becher vollZorn: daß »der Baursmann zu allem contribuiren muß / erist mit truckenem Mund auff allen Panqueten / er tantzt mit mattenFüssen auff allen Commoedien / die Pferd im Marstall fressen seinenSchweiß . . . und der hoffärtige Staatsmann sein Fleisch / keinMensch hat Mitleiden mit ihm«. Damit kennzeichnet Becher dieschlimme Lage, in der die Bauern sich damals befanden. Deshalbwollten sie aus ihrem Stand heraus, ihre Kinder würden Hand-werker und die Flandwerker Kaufleute, das aber bewirke eineschädliche Vermischung. Ausdrücklich verweist er hier auf seinenPolitischen Diseurs. Das beweist, wie stark der Politiker inihm allen schönen ethischen Forderungen zum Trotz doch ist, undferner welchen Wert er auf die harmonische Verteilung derKräfte im Volke legt; zeigt also, wie unberechtigt SmallsBehauptung ist, Becher habe die Tragweite dieser Idee nicht erfaßt.Mit warmem Empfinden erkennt Becher die bedrückte Lage derBauern, aber er weiß, »daß Mittel und Weg vor der Thür seyen /dem armen betrangten Mann Lufft zu machen / und den Grosseneinen Weg / wie den andern Mittel zu verschaffen / alsdann wirdsich nicht allein der Bauren Stand vermehren / sondern man wirdihn auch mehr ehren« 207 ). Dazu aber bedarf es der Kolonisation,die Becher ebenso wie Obrecht fordert: »Dann was ist das voreine Thorheit / ein edel gut Land in der Welt wolle leer stehen