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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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Nahrung nach den Ländern verschieden ist: anders ist esmit denen, die vom Feldbau leben als mit denen, die Handel treiben.»Da ist nun an dem daß ordentlicher Weise eine iede Land-schafft nicht mehr Leute füglich / und aus eigenem Ertragernehren kan / als so viel ihrer Nahrungs-Mittel darinnenfinden können. Zum Exempel: Wann man ein Dorff betrachtet /so nicht mehr Feld hat / als mit zehen Pflügen zu arbeiten ist /so können auch mit Nutz nicht mehr Bauern oder Anspannerdarinnen wohnen / sondern die übrigen müssen sich mit Hand-Arbeit / den andern zu Hülff nehren / oder über Land auswärtigihren Verdienst suchen / widrigen Falls hindert einer den andern /oder es mangelt an der Nahrung« 105 ). Deutlich betont er, wieNahrungsmittel und Bevölkerungsvermehrung einanderangepaßt sein müssen.

Auch im »Christenstaat« beschäftigt er sich mit der Obrig-keit, wirkte sie doch in göttlicher Mission. Denn sie ist »GottesOrdnung / auch ihr Anmut und Zweck auff die Wolfart des Volcksgerichtet«. Wenn ein Fürst nur seinen Interessen nachgeht, ister ein Tyrann. »Wann sich aber eine hohe Obrigkeit / wie bräuch-lich / Von GOttes Gnaden schreibet / ist solches kein vergeb-licher Titul / sondern zeiget theils ihre Hoheit / theils ihreSchuldigkeit an: Die Hoheit / weil sie weiß / sie sitze an Gottesstatt / und habe ihr Amt nach Gottes Ordnung zu führen . . .Die Schuldigkeit aber lernet sie eben auch aus dieser Betrachtung /und mercket / weil sie von Gottes Gnaden geordnet / so liege ihrob / Göttlichem Gesetze Folge zu leisten / und also des unter-gebenen Volcks Wohlfahrt zu befördern« 106 ). Seckendorff hattegänzlich mit Aristoteles gebrochen und war strenger Theokrat.Der Regent wird durch seinen hohen Stand nicht von den Pflichteneines Christen befreit, »ja es ist ihrer fürnehmsten Sorgen eine /daß alle ihre Unterthanen gleicher Gestalt rechtgläubige Christenseyn«. Sehr energisch tritt er für das Episkopat des Landes-fürsten ein: er soll die oberste Spitze der Kirche darstellen, wenner auch nicht das Recht hat, sich zum Herrn über denGlauben selbst zu machen 107 ). Konnte es nach dem dreißig-jährigen Krieg verwundern, wenn Seckendorff erklärte: »Nechstder Seelen-Wohlfahrt ist das edelste Kleinod / und der höchsteSchatz eines Landes / der Friede« 108 ).

Und doch ist Seckendorff viel zu sehr Merkantilist, umnicht für die Machterhaltung des Staates einzutreten, nur mut-willige Kriege verwirft er. Es ist eigentlich merkwürdig, daß er