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Jeder Stand soll nach seinem Wesen befördert werden, ohne daßeine »Gleichmachung aller Unterthanen« eintritt. Bei der AbsichtCommercien und Manufakturen zu gründen, läuft viel Eigennutzmit unter 119 ). Aller Orten fehlt es an guten Ratschlägen, nochmehr an Mitteln, klagt er, denn es »finden die wenigstenHerrschafften einiges Capital«, auch fehlt es an treuen Leuten.Deshalb sagt er sehr pessimistisch: »diesem allen nach ist / meinesErachtens / dieser Punct / die Commercien und Nahrung derLänder zu befördern / zum wenigsten in Deutschland / da nochüber alle andere Difficultäten / die Vielheit der Herrschafften undVermengung der hohen Obrigkeitlichen Macht oder Territorii mitim Weg stehet / der allerschwereste und am wenigsten practicir-lichste«. Es wäre gut, wenn die Fürsten selbst Hand anlegtenund Gelder vorschössen 120 ). Viel Schuld an diesen Ge-brechen sind nach seiner Meinung auch die Untertanen: Hand-werker und Kaufleute sind liederlich und haben keine Lust, Neueszu lernen. »Doch wolte ich dafür halten / daß unter allen Ständen*nd Gewerben / nechst den Ackerleuten / die Handwercker . . .die besten seyn / worinnen der grösseste Theil der frommen undrechtschaffenen Christen bestehen könte«. Sie haben ihre täglicheArbeit und bleiben in Demut. Daher sind die Mängel bei ihnenam leichtesten abzuschaffen; nächst ihnen bei den Soldaten. Des-halb muß sich ihrer die Obrigkeit besonders annehmen und mitihrem Wohlergehen das eigene fördern 1 ' 11 ).
Das dritteBuch handelt »Von dem Geistlichen Standeund dessen Verbesserung insonderheit«. Hier können unsneben all den theologischen und verwaltungsrechtlichen Auseinander-setzungen nur einzelne Gesichtspunkte interessieren, vor allemaber das Grundprinzip, von dem Seckendorff ausgeht, daß derStaat auch über der Kirche steht. Er zeigt sich in seinenVorschlägen recht konservativ. Von vornherein verurteilt er dieSchwärmer, die kein bestelltes Predigeramt, sondern ein allgemeinesPriestertum verlangen. Damit soll nicht gesagt sein, daß nur diePriester die Bibel lesen dürfen, denn die Kirche besteht »auch ausden Zuhörern; ist wider das Pabstthum zu mercken« 122 ). WennThomasius Osse »versteckten Papismus« vorwirft, weil er alte»papistische« Einrichtungen beibehalten wolle, hätte er den gleichenVorwurf auch gegen Seckendorff erheben können, der für dieBeibehaltung der Klöster zur Erziehung der Geistlichen eintritt 123 ).Die philosophischen Studien hält er für schädlich, weil durchsie »viel Irrthum anfangs in die Christliche Kirche kommen«. Des-