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halb erteilt er Aristoteles eine deutliche Absage: »Dan manhat ja eben nicht nöthig / uns mit den Meynungen des Aristo-telis und seiner 11 Tugenden / oder mit den Schrifften andererHeyden / welche das principium und den Grund der Tugend / dieaus dem Glauben und der Liebe Gottes im Christenthum voll-kömlich herauskommet / gar nicht verstanden« 124 ). Seckendorff verliert sich auch hier in die Details, zeichnet dem Geistlichenaufs genaueste seinen Weg vor, bespricht ebenso seine Ausbil-dung wie sein Verhalten und das Gebärdenspiel bei den Predigten 125 ).Seine Vorschriften gipfeln in der Behauptung, daß das Hauptwerkdes Kirchenregiments »die Beförderung der ChristlichenLehre / und Übung des Gottes-Dienstes in ieder Gemeinde sei« 126 ).Eine monarchische Gewalt bei der Kirche verwirft er,im Gegenteil: »nach dem Christenthum / daraus die gründl. Besse-rung der Gebrechen zu ziehen / ist die Regel wohl klar / daß sichkein Geistlicher / oder Kirchen-Diener / bloß um solchen Amts-willen / der Obrigkeit / Macht und Botmäßigkeit entziehen könne«.»So leidet auch die Lehre Pauli / Jedermaii sey unterthander Obrigkeit« 127 ).
Dem »Christenstaat« sind ebenfalls »Additiones« beigegeben,die wir aber übergehen können.
Seckendorff kann auch als Bew r eis für die Ungeschlos-senheit des Merkantilismus herangezogen werden: er gehtvon einer christlichen Grundlage aus und umkleidet besondersstark seine politischen Maßnahmen mit dem Mantel christlicherEthik. Man muß sein Streben durchaus ehrlich nennen, es ent-sprach den pietistischen Zeitanschauungen, aber andere Kamera-listen dachten realistischer und schärfer und ertränkten ihre refor-matorischen Ideen nicht in frommen Gefühlsäußerungen. Sehrinteressant ist deshalb eine Parallele zwischen Seckendorff und Becher: der österreichische Kameralist hat auch solche An-wandlungen, läßt sich aber als Politiker dadurch den Blick nichttrüben, während Seckendorff durch sie zaghaft wird und nur zuleicht am Althergebrachten festhält.
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