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hauptet: „Der Merkantilismus sah es, wie gewissen Ehrenrettungsversuchen jüngererTage gegenüber immer neu betont werden muß, zunächst darauf ab, die Länderan Geld so reich wie möglich zu machen, ein Bestreben, das trotz reichlicher Edel-metallzufuhren von Übersee, zu beträchtlichen, damals als ungeheuerlich emp-fundenen Preissteigerungen führte."
Den „Verteidiger n“, die dem Merkantilismus gerecht zu werden ver-suchen, aber doch den Smith sehen Ansichten über die wirtschaftlichen An-schauungen der Merkantilisten im Grunde beipflichten, möchte ich zunächst Nie.Christiano witsch Bunge (Esquisses de litterature politico - economi-que, 1895, traduit du Russe, Bäle, Geneve 1898; Prem. Partie, Ch. IV, S. 13 ff.)zuzählen. Bunge sagt: „Du reste il est certain que ce Systeme n’a pas ete elaboresur une forme scientifique, comme un tout harmonise, comme une doctrine exposeedans toute sa plenitude dans un traite quelconque.“ Er trennt zwischen praktischemund wissenschaftlichem Merkantilismus; der praktische betrachtet das Geld alsHauptfaktor des Nationalreichtums wie eine Ware und nimmt an, daß der Staatden Privaten gleiche, der wissenschaftliche schreibt den Wert dem Geld im allge-meinen zu und glaubt, daß seine Vermehrung nötig sei zur Beschleunigung derZirkulation. Wenn Bunge sagt: „Les mercantilistes ont pris dans cette circon-stance l'effet pour la cause: la circulation rapide de l’argent pour la cause de la pro-duction acceleree, tandisque parfois c’est le contraire qui a lieu", folgt er F. X.N e u m a n n (s. I, z, S. 24/25). — Ähnlich ist die Ansicht, die Richard Mayr (Lehrbuch der Handelsgeschichte, Wien , 2. Aufl., 1901, III. Abschn., 2. Kap., § 37)vertritt, wenn er behauptet: „Was man gemeinhin Merkantilismus oder Merkantil-system nennt und vom freihändlerischen Standpunkt aus verdammt, war wederein Stock vorgefaßter, eigensinnig festgehaltener Lehren, noch ein verderblichesProdukt des Irrwahns und der Despotenlaune, sondern das Merkantilsystem oderHandelssystem entwickelte sich um die Mitte des 17. Jahrhunderts aus den Ver-hältnissen der untereinander wetteifernden Staaten Europas von selbst. Um sichvon der wirtschaftlichen Herrschaft überlegener Völker zu befreien, haben dieStaatslenker des 17. und 18. Jahrhunderts die Volkswirtschaft der ihnen anver-trauten Länder zuerst nationalisiert, d. h. auf sich selbst gestellt.“ Im übrigenbleibt Mayr bei den alten Anschauungen, spricht auch von einem „Götzendienstdes Geldes“ (S. 126/127).
Luigi Cossa (Einleitung in das Studium der Wirtschaftslehre, übersetztvon Moormeister, Geschichtl. Teil, 3. Kap., § 2, S. 120/24) meint, daß mandamals von der Vorstellung ausging, daß derjenige, der über viel Geld verfüge,sich jedes beliebige Gut anschaffen könne. Man machte die Beobachtung, „daßdie kommerzielle und politische Macht sich bei denjenigen Nationen vereinigte,welche infolge eines gesteigerten Industriebetriebes oder ihres Handels eine ver-hältnismäßig große Menge Geldes in Bewegung setzten ... so argumentierten dieAnhänger des sogenannten Merkantilsystems, daß das wirtschaftliche Wohlbefindeneines Staates im Verhältnis zu der Menge des in ihm umlaufenden Geldes stehe“.Nicht wahr, sagt er ausdrücklich, sei die Ansicht, „daß sie geglaubt hätten, diewirtschaftlichen Güter beständen nur im Geld allein.“ Wenn auch heute die Un-richtigkeit dieses Systems längst erwiesen sei, so war es „zu anderen Zeiten undunter anderen Verhältnissen von hoher Bedeutung". — Dieser Gruppe von „Ver-teidigern“ steht D i e h 1 (Ausgewählte Lesestücke zum Studium der PolitischenÖkonomie, 1. Bd., 1. Aufl., Karlsruhe 1910, S. 32/35) nicht fern. Er will zwar eine„eigentliche merkantüistische Theorie im Sinne eines einheitlichen Lehrgebäudes“