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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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nicht anerkennen und verlegt den Schwerpunkt des Merkantilismus in die Praxis:es ist ein System praktischer Wirtschaftspolitik"; denndie volkswirtschaftlichenZusammenhänge kausal zu erklären . . . lag den Schriftstellern fern". Aber D i e h 1stellt als Kriterium den Geldbegriff der Merkantilisten auf, danach unterscheideter zwischen einernaiven" und einerfortgeschrittenen merkantilistischen Theorie". Der andere Herausgeber dieser Sammlung, M o m b e r t (a. a. O. Bd. VI, 1912,S. 5/6) nennt den Merkantilismus dasZeitalter der Staatenbildung", dasauf zahl-reichen Wegen eine möglichst große Zunahme der Bevölkerung zu erzielen strebte.Zwei Gesichtspunkte hätten dies Ziel erstreben lassen:auf der einen Seite erblickteman in einer aktiven Handelsbilanz als der einzigen Möglichkeit für die Staaten,in den Besitz von Edelmetallen zu gelangen, das Hauptziel der staatlichen Wirt-schaftspolitik", andererseits sprachen politische Erwägungen dabei mit.

Schmoller hatte der Forschung über den Merkantilismus ganz neue Per-spektiven eröffnet. Ihm schlossen sich nun viele Schriftsteller an. Zu ihnen gehörtEugen von Bergmann (Die Wirtschaftskrisen. Geschichte der national-ökonomischen Krisentheorien. Stuttgart 1895, Einl. 3).Will man im Merkantil-system den innersten theoretischen Kern herausschälen, sagt er,so erhält manwohl als solchen die Vorstellung von der außerordentlichen, das gesamte Wirt-schaftsleben beherrschenden Bedeutung des Tauschverkehrs und ferner die Über-zeugung von der notwendigen beständigen Regelung der Volkswirtschaft durch dieStaatsregierung.In der Lehre, daß die Volkswirtschaft zu ihrem geordnetenund gedeihlichen Gange die Reglementierung und Kontrolle des Staates nötighabe, findet insbesondere seinen theoretischen Ausdruck das Streben des sich inden großen Territorien ausbildenden absoluten Beamtenstaats nach einer inten-siven Regierung und Dienstbarmachung aller Volkskräfte". Max Adler( Die Anfänge der merkantilistischen Gewerbepolitik in Österreich, Wiener staatsw.Studien, IV. Bd., 3. H. Wien u. Leipzig 1903) bringt ähnliche Argumente:Indemdie Staaten das gewerbliche Aufsichtsrecht von den Zünften und Städten über-nahmen, unterzogen sie dasselbe bloß einer Umbildung im Sinne einer geschlos-senen staatlichen Wirtschaftspolitik und schufen so kleine Engherzigkeiten insGroße übertragend, jenes System des Merkantilismus, das zwar die wirtschaftlichenKräfte der Nationen zu reicher Entfaltung gebracht, zugleich aber die europäischenVölker auf Jahrhunderte hinaus in kultureller und geistiger Beziehung voneinandergetrennt hat. In sehr interessanter Weise, aber beeinflußt von Heyking(s. I, 2, S. 33/34) geht Pribram ( Die Idee des Gleichgewichts in der älterennationalökonomischen Theorie, Zeitschr. f. Volksw., Sozialpol. u. Verwalt. Bd. 17,1908, S. i ff.) von der Handelsbilanztheorie aus. Der Außenhandel bildete in jenenZeiten das Moment der Rivalität, wer Sieger in diesem Handelskampfe wurde, hattedie Weltmacht. Die Betrachtung dieser Verhältnisse führte erst zur Handelsbilanz.Es entsprach völlig der in ihren ersten Abstraktionen sich versuchenden Denk-weise, wenn Geld und Ware zunächst als zwei diametral gegenüberstehende Er-scheinungsformen aufgefaßt wurden; wenn der von der Betrachtung der Kollektiv-phänomene gefesselte Blick das einzelne wirtschaftliche Gut neben der Güter-gattung ebenso zurücktreten ließ wie die Komponenten des einzelnen Tauschaktsgegenüber der vergleichenden Betrachtung von Gütermenge und Geldmenge einesLandes als Gesamtheiten. Die Merkantilisten setzten aber Geld nicht gleich Reich-tum, wenn sie so viel Gewicht auf das Edelmetall legen, so nur aus dem Grunde,daß es dasallgemein anerkannte Tauschgut" war.

Zu einer ganz eigenartigen Auffassung des Merkantilismus kommt Eugen