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Fridrichowicz (Grundriß einer Geschichte der Volkswirtschaftslehre, Mün-chen u. Leipzig 1912)- Für ihn ist der merkantilistische Begriff scheinbar keinehistorische Kategorie, denn er kennt auch einen „merkantilistischen Rationalis-mus“, als dessen Vertreter er S a y und C a r e y betrachtet. Merkantilismusund Kameralismus will er identifizieren, den Kameralismus hätte man auch spott-weise „Eudämonismus" genannt. Ich frage wo? Er verwechselt ihn vielleichtmit dem eudämonistischen Wohlfahrtsstaat. Aber sein ganzes Buch ist voll vonsolchen Merkwürdigkeiten, zu denen nicht zuletzt die Schematisierung gehört.Es ist hier nicht der Ort, eingehend darauf einzugehen, ich möchte nur an einigePunkte erinnern: alle Anarchisten außer Stirn er sind für ihn Juden!! DieDarstellung der sozialen Bewegung in England ist durchaus unrichtig. Trotzdemer eingehend über die Soziologie spricht, ist ihm der Soziologe Georg Simmel völlig unbekannt. Ganz eigenartig geht er mit den modernen Nationalökonomenum: nach seiner Auffassung ist Robert Wilbrandt ein Revisionist (??),gehören E h e b e r g und H e c k e 1 zur Gruppe Stahls und Adolf Wag-ners. An der Rangordnung, die er vornimmt, dürfte man wohl auch einige Kritiküben, doch sei hier nur der Verwunderung Ausdruck gegeben, daß ein Mann, wieMax Weber sich mit einem sehr bescheidenen Plätzchen begnügen muß.Ich verweise im übrigen auf die Kritiken von Mombert im Archiv f. Sozialw.u. Sozialpol. 36. Bd., 2. H., März 1913, S. 616 ff. und von Kampfmengerin den Sozialistischen Monatsheften, Januar 1913.
3. Kapitel.
*) Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft , 1776, Vorr. IV,Philos. Bibi. Bd. 49, L. 1877, S. 173.
2 ) Eisler, Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 3. Aufl., 1910, Bd. 3,S. 1478.
Excurs.
In sehr interessanter Weise nimmt Mauthner (Wörterbuch der Philo-sophie, Artikel Encyclopädie, Bd. I, S. 25iff.) zu dem Problem des SystemsStellung. Er sagt: „Ordnung ist ein Menschenbegriff. In der wirklichen Naturgibt es weder Ordnung noch den Wunsch nach Ordnung. Auch im Menschenhirn,weil es wirkliche Natur ist, gibt es keine Ordnung; wohl gibt es aber da einen Ord-nungssinn, eine Sehnsucht, zuerst das Wissen in eine bestimmte Disziplin, dannalles Wissen überhaupt methodisch zu ordnen, in einem System beisammenzu haben, das ganze Wissensgebäude in einer Encyclopädie der kommenden Gene-ration zu übergeben. — System, ovaiy/ta, war ursprünglich wohl eine taktischeEinheit im Heere, eine Zusammenstellung von Soldaten, dann ein aus mehrerenTeilen zusammengesetztes Ganze, insbesondere das organische Ganze einer Wissen-schaft." — Nicht unberechtigt ist Mauthners Frage nach einem geschlos-senen System (Art. Energie, Bd. I, S. 283 ff.). „Wo aber in aller Welt gibtes ein geschlossenes System? Müssen wir nicht bei den einfachsten Erscheinungender Mechanik, beim Fallen der Körper wie beim Spielen mit Billardkugeln von be-kannten und unbekannten Nebenerscheinungen absehen, um das, was etwa geradedie Aufmerksamkeit des Rechners erregt, ein geschlossenes System zu nennen?Wäre unser Sonnensystem ein geschlossenes System, auch wenn alle Planeten undTrabanten noch besser beobachtet worden wären als bisher? Wo in aller Weltgibt es ein geschlossenes System außer dem ganzen Weltall selbst?"