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machten sie es bekanntlich gerade so. Wie es Pflicht der Römerwar päpstlich, so Pflicht der Deutschen nassauisch zu bleiben.
Nach den Ereignissen von 1866 hatte die kaiserliche Regierungmöglichst lange mit der Berufung des gesetzgebenden Körpers ge-zögert. Erst 1867 versammelte sie ihn wieder. Bald nach derEröffnung setzte die Linke die Interpellation wegen der auswärtigenPolitik durch; Thiers, der Geharnischte, der Schrecken der Minister-bank, das Entzücken der händereibenden Zuhörer, führte deu Reigen.Er spann eine jener zweitägigen Reden ab, die ein anderes als die-ses autoritätsgläubige und für die Form schwärmende Publikumnicht aushalten würde. Jede Rede ist ein Buch mit langer, langerEinleitung, mit Haupt- und Unterabtheilungen. GlaubwürdigeZeugen erzählen, Thiers bereite eine solche Rede wochenlang vor,und um sich ihres Besitzes und ihrer Wirkung zu versichern, halteer sie einzelnen Freunden in der Stille des Cabinets der ganzenLänge nach. Sie heben gewöhnlich mit weitschweifigen philoso-phischen oder historischen Jntroductionen an. Wer öfter in derLage ist die Annalen der französischen Kammern nachzuschlagen,hat gewiß die Erfahrung gemacht, daß es außerordentlich zeitrau-bend ist, sich über den Gegenstand der Verhandlungen aus dem Textder Vorträge zu orientiren. Wo immer man einen Redner packt,muß man halbe Spalten lang fortlesen, ehe man nur entdeckt, wo-von eigentlich die Rede sei; so sehr bewegt sich der Gedanke in allge-meinen akademische«: Betrachtungen und Abschweifungen. UnsereParlamente, ebenso wie die englischen, würden dergleichen langeGespinnste nimmer ertragen. Thiers spricht 5—6 Stunden, ohnesich eine Pause von fünf Minuten zu erlauben, und da er nichts-destoweniger hiebei oft nicht zu Ende kommt', so fährt er am fol-genden Tage munter fort.
Solch ein Opus, von welchem Frankreich dann je nach Um-
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