Man würde damit gerade die Sorte von Eigennutz grofs ziehen,welche man den Seestädten heute von einigen Seiten fälschlich an-dichtet, und jenen Egoismus beseitigen, welcher nur in der wirth-schaftlichen Gleichberechtigung Aller das eigene Wohl erblickt.
In diesem Sinne kann man sagen, dafs heute gerade die Be-rücksichtigung der Gesammtinteressen der Nation mafsgebend istfür die handelspolitische Stellungnahme der Seestädte.
Bei ausschliefslicher Berücksichtigung dieser Gesammtinter-essen durch die Gesetzgebung sehen sie auch ihre eigenen näherenInteressen am besten gewahrt.
Vielleicht erscheint manchem mit dieser Auffassung schlechtdie anscheinend so particuläre Stellung von Bremen und Hamburg in der Zollanschlufsfrage vereinbar. Und doch läfst sich auch hierziemlich leicht nachweisen, dafs das Gesammtinteresse des Reichsden Eintritt Hamburgs und Bremens in das Zollgebiet keineswegserheischt. Eine andere Frage ist die, ob das specielle Interessejener Städte nicht den Eintritt wünschenswerth macht; diese schwie-rige Frage, welche bislang von beiden Städten noch immer ver-neinend beantwortet ist, kann jedoch als interne Angelegenheitdieser Plätze hier ausscheiden. Zu untersuchen ist die Zollan-schlufs-Frage dagegen vom Standpunkt der wirthschaftlichen Ge-sammtinteressen des Reichs.
Die häufig aufgestellten Forderungen des Eintritts vonHamburg und Bremen in’s Zollgebiet sind psychologisch aufser-ordentlich begreiflich. Sie stammen aus dem Sinn für Uni-
formität, also wesentlich aus dem Gefühl. Sobald man abervom Standpunkt der Reichsinteressen aus dies Gefühl zurechtfertigen versucht, so zeigt sich ein bedenkliches Mancovon Gründen. Die Direction des Centralvereins der deutschenWollenfabrikanten hat Gelegenheit gehabt, sich hiervon deutlichzu überzeugen, als sie im Jahre 1878 eine von der Nordd. Allgm.Zeitung eitrigst unterstützte Agitation zum Zwecke der Beseitigungaller deutschen Freihäfen unternahm.
Sie bezeichnete damals die Freihäfen Bremen und Hamburg als die «Einfallthore und Brückenköpfe der eroberungslustigenenglischen Industrie» und errang mit dieser zwar nicht neuen —bekanntlich hat Fr. List vor mehr als 30 Jahren bereits etwasAehnliches behauptet — aber immerhin noch gut erhaltenen Phrasebei allen Schutzzöllnern einen durchschlagenden Erfolg.