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mit einiger Vorsicht aufnehmen. Ich erinnere Sie daran, daß er uns ähnlicheExkurse gemacht hat über handelspolitische Sachen, und seine Ansichten haben sichnicht bewahrheitet.
Meine Herren, wie liegt denn die Frage? Sie wissen, das; im vergangenenJahre der internationale Kongreß in Paris tagte, gerade zu dem Zwecke, umzu erörtern, ob nicht eine Remonetisirung des Silbers möglich wäre, und obniclit dem Unheil der Silberentwerthung ans irgend einem Wege entgegengetretenwerden könnte. Wie lag nun die Sache auf dem Kongreß, der beschickt warano allen Staaten von kenntnißreichcn Leuten der Wissenschaft uud der Praxis?ES lag so, daß zwei ganz kleine Staaten einzig uud allein sür die allgemeineGoldwährung eintraten, Belgien und die Schweiz . Alle anderen Länder, dieuordamerikanischen Freistaateu, England, Rußland, Holland , die skandinavischenStaaten, Italien und Oesterreich traten dafür ein, daß dnrch die Goldwährungeine der schwersten Kalamitäten der ganzen Welt hervorgerufen würde. Wennder Herr Abgeordnete Bambergcr das also so schildert, als ob die Durchführungder Goldwährung eine abgethane Sache sei, so berufe ich mich auf diese histo-risch feststehende Thatfache, um das Gegentheil von dem zu beweisen, was erbehauptet hat.
Meine Herren, der Herr Vertreter der Reichsbank hat, glaube ich, daraufhingewiesen, wieviel Metall bei uns pro Kopf der Bevölkerung zirkulirte. Ichmache darauf aufmerksam — und das fuhrt mich weiter aus die Frage — daßvon allen Ländern der Welt mit Ausnahme der nordamerikanischcn FreistaatenDeutschland dasjenige Land ist, welches pro Kopf der Bevölkerung den gering-sten Metallbetrag als Umlaufsmittel besitzt, uämlich nur weuig über 60 Markpro Kopf der Bevölkerung. Dem steht gegenüber in Frankreich z. B. eineMetallzirkulation von zirka 160 Mark pro Kopf der Bevölkerung, in England eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so stark, wie die französische. Was ist dieFolge? Diese schwache Metallzirknlation bei uns, die gleichzeitig eine noth-wendige Folge der Goldwährung wird, — denn bei der freien Silber- undGoldausprägung würden sich die Metallvorräthe vielleicht ergänzen können, —hat alle die Uebelstände in unseren Verkehrsverhältnissen zur Folge, über die solange und mit Recht geklagt wird. Das ewige Kreditgewähren in Deutschland ,diese ganze Kette der Verschuldungen, die Unsolidität des Geschäfts, — allessind die Folge» der geringen Metallzirkulation, die nur beseitigt werden können,wenn man nicht allein die freie Goldausprägnng hat, die die Lücken nicht aus-zufüllen vermag, souderu die freie Gold- und SilberauSpräguug, wie sie inter-national von den tüchtigsten Fachleuten, darf ich wohl sagen, aller Länder an-gestrebt und empfohlen wird.
Meine Herren, wenn der internationale Kongreß in Paris gescheitert ist,waS ist die Schuld daran gewesen? Hauptsächlich unsere Nichtbetheiligung;zweitens der Widerspruch Englands. Nun liegt die Frage für England aller-dings höchst eigenthümlich. Kein Land hat unter der Silberentwerthung soschwer gelitten, als gerade England , einmal, weil es die ausgedehntesten inter-nationalen Handelsbeziehungen unter allen Ländern hat, zweitens, weil der Zwie-spalt zwischen der indischen Silberwährnng und der Goldwährung Englands zuVerhältnissen führt, die geradezu unerträglich für das großbritannischc Reichwerden.
Meiue Herren, wenn England sich dessen ungeachtet dahiu erklärt hat, eswünsche sehnlich, daß die anderen Staaten wieder zur Doppelwährung zurück-kehrten, es könne aber selbst nicht diesen Schritt thun, so ist das eine Position,die es meiner Ueberzeugung nach nicht aufrecht erhalten kann und nicht aufrechterhalten wird, eine Position, die ihm aber im Augenblick erbeblich erleichtert