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zu nennen war, ward in strenger Kälte hinausgestofsen vor dieThore. Am Abend, in später Nacht aus ihren Wohnungen ge-rissen, in die Kirchen zusammengetrieben, verliefsen die Unglück-lichen am Morgen, von Gensdarmen geführt, laut jammernd ihreVaterstadt, meist um sie nie wieder zu sehen. Das bedrängteAltona nahm viele auf, viele die umliegende Gegend; Seuchenund Elend rafften viele dahin, nicht wenige starben auf dem Wege.Unermefslich ist die Masse des Jammers, die hier auf einem kleinenFlecke zusammengedrängt war. . . . Mögen die Greuel», fügt derdeutsch -dänische Diplomat hinzu, «welche ein Tyrannenknechtnicht aus Pflichtgefühl allein, sondern mit kalter Schadenfreudeverübte, nimmer vergessen werden!»
Wir besitzen heute, was uns gegen diese und andere namen-losen, unerträglichen Abscheulichkeiten wüster Fremdherrschaftschützt. Aber auch wo das bonapartistische Regiment wohl-wollend auftrat, ist seine Armenpflege uns kein Vorbild.
Das überm äfsige Vertrauen auf die Macht und Mittel desStaats, welches diese Art zu regieren charakterisirt, erwuchs nocham natürlichsten in jenen kleinsten unserer deutschen Staaten, woder Landesherr mehr ein zufällig nicht zum Unterthanen einesgröfseren Herrn herabgesunkener Grofsgrundbesitzer war. Da lagbesonders einem menschenfreundlichen und zugleich thatkräftigen,muthigen, unternehmenden Fürsten die Versuchung nahe, dasSchicksal der Landeskinder für den Nothfall auf sich zu nehmen.So geschah es beispielsweise in der zweiten Hälfte des vorigenJahrhunderts zu Dessau . Im Jahre 1770 war da das Betteln ver-boten worden, nachdem man es endlich satt bekommen hatte,einen Trupp Almosen - Jäger von Profession unter Führungdes dafür ausdrücklich angestellten Bettelvogts tagtäglich dieStrafsen durchziehen und die Thiiren der wohlhabenderenFamilien gabenheischend belagern zu sehen. Den Ersatz zuliefern in Gestalt von Arbeitsnachweis, Lieferung von Spinnstoff,Korn zu ermäfsigtem Preise, und endlich einem Armenarbeits-haus (unter demselben Dache mit dem Zuchthaus), übernahm zu-nächst die fürstliche Kammercasse. Schon 1772 freilich sah dieRegierung, dafs dies selbst in dem kleinen Ort und Ländchen zuviel übernommen war. Sie rief in der Stadt Dessau eine Armen-casse ins Leben, die hauptsächlich aus freiwilligen Beiträgen ge-speist werden sollte, und stellte fünfzehn sogenannte Armenver-