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Die Kriegslasten und ihre Deckung / Georg Gothein
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Zahlungsbilanz ungünstig beeinflußt. Seitdem hat sich das von Tagzu Tag verschlimmert, die Zufuhren sind immer teurer geworden, dieeigene Ausfuhr ist infolge der Mobilmachung gewaltig zurückgegangenund der Krieg kostet ihm enorme Opfer an Menschen und Geld. Beider ohnehin nicht allzu großen wirtschaftlichen Kraft des Landes werdenseine durch den Krieg in heillose Verwirrung gestürzten Finanzen auchim Frieden nur sehr schwer wieder in Ordnung zu bringen sein. Umso schwerer, als es Jahrzehnte dauern dürfte, ehe der Fremdenverkehrwieder annähernd den früheren Umfang erreicht. Das wird auch die Ein-nahmen der italienischen Bahnen lange Zeit höchst nachteilig beeinflussen,während deren Betriebskosten bei den wahrscheinlich kommendenenglischen Ausfuhrzöllen für Kohle erheblich steigen dürften, zumal beidem Mangel an Schiffsraum jahrelang mit hohen Seefrachten zu rechnenist. Obwohl Italien seine Ausfuhr bis auf Österreich-Ungarn ,Bulgarien und die Türkei aufrechterhalten kann, hat sich doch seineHandels- und Zahlungsbilanz so verschlechtert, daß seine Valuta bereitsein halbes Jahr nach seinem Eintreten in den Krieg um über 20 °/ounter Parität New York stand und einer weiteren Verschlechterungentgegensieht. Bei dem großen Einfuhrbedarf des Landes bedeutetaber eine Valutaverschlechterung ganz etwas anderes als bei Deutsch-land , das während des Krieges den größten Teil seines Bedarfs durchEigenerzeugung deckt.

Die indirekten Steuern und Zölle lasteten schon vor dem Kriegederart schwer auf dem italienischen Volk, daß seine Auswanderung diejedes anderen Landes überstieg. Ein weiteres Anziehen dieser Steuernnach dem Kriege dürfte zur Massenflucht der Bevölkerung führen unddamit zu weiterer gefährlicher wirtschaftlicher Schwächung des Landes.Durch direkte Steuern die ungeheuren durch den Krieg erwachsenenLasten zu decken, ist für Italien aber eine Unmöglichkeit. Bei längererKriegsdauer dürfte es daher ebenfalls nicht um den Staatsbankerottherumkommen.

Das »reiche Rentnerland" Frankreich war einmal ein reichesLand. Gewiß sind sein Boden und die Gunst des Klimas dauerndeQuellen des Wohlstandes; aber an dem, was den eigentlichen Reichtumeines Landes ausmacht, an Menschen, blieb es schon seit 1870/71 zurück;seine Regenerativkraft erlahmte, die Bevölkerung stagnierte. Und nundieser entsetzliche Aderlaß für das ohnehin menschenarme Land!Bereits vor dem Kriege zählte es 28 29 Millionen Seelen weniger alsDeutschland und seine Verluste an Toten übersteigen auch absolutweitaus die deutschen!

Dazu kommt das Versagen der Weinernte 1915 war sie so gering,wie kaum in den schlechtesten Jahren der Reblausverwüstung. Seineindustriellsten und landwirtschaftlich reichsten Gebiete sind von uns be-