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Die Kriegslasten und ihre Deckung / Georg Gothein
Entstehung
Seite
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Nun haben die Beratungen der Finanzkommission des Reichs-tags beim Wehrbeitragsgesetz unzweideutig erwiesen, daß eine alleinigeBesteuerung des Vermögens ohne gleichzeitige Erfassungdes Einkommens zu den größten Unzuträglichkeiten führenwürde. Beide Steuern gehören zusammen, ja die Einkommensteuer istdas Primäre, die Vermögenssteuer nur ihre Ergänzung. Treffend heißtsie im preußischen Steuersystem auch Ergänzungssteuer.

Bei der in solchem Umfang nie dagewesenen Finanznot desReichs kann man daher von der Besteuerung von Einkommenund Vermögen durch das Reich nicht absehen.

Nun liegen für ihre Heranziehung bei uns die Verhältnisse' nichtso einfach wie in einem Einheitsstaat, z. B. in England. Mit vollemRecht hat der Reichsschatzsekretär darauf hingewiesen, daß ein großerTeil der Aufgaben, welche dort der Staat übernimmt, bei uns vonEinzelstaaten und Gemeinden getragen werden müssen. Diese abersind abgesehen von ihrem werbenden Vermögen auf die direktenSteuern (einschließlich Grund- und Gewerbesteuern) angewiesen. Umzu einem richtigen Vergleich zu kommen, müssen also alle diesedirekten Steuern zusammengezählt werden. Es ist deshalb ausgeschlossen,sie für das Reich so stark heranzuziehen wie das in England ge-schehen kann.

Ebensowenig kann das Reich aber auf sie verzichten, weil manden »Einzelstaaten und Gemeinden nicht die Steuerquelle abgraben soll,auf die sie angewiesen sind. Es handelt sich garnicht darum, sie ihnenabzugraben, sondern an ihr mitzuzapfen. Das mag dem einzelnenZensiten hart erscheinen, er mag meinen, die direkten Steuern seienschon drückend genug. Aber die Not der Zeit drückt eben schwerund .verlangt, hart zu sein. Das Geld muß aufgebracht werden;es ist mehr als Ehrensache, es ist eine wirtschaftlicheExistenzfrage, auch nach dem Kriege durchzuhalten, die inihm eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Nur dannwerden wir uns in absehbarer Zeit wieder zu gesunden, erträglichenwirtschaftlichen Verhältnissen durchringen können. Man bilde sich auchnicht ein, daß die anderen kriegführenden Staaten nach dem Kriegegeringere Lasten zu tragen haben werden. Nein, wesentlich schwerere.Unsere Produktionsstätten sind fast durchweg unberührt geblieben, nurwenige Landstriche sind den Verwüstungen des Krieges ausgesetztgewesen. Unsere Anleihen sind fast ganz im Inland aufgebrachtworden; wir brauchen nicht Zinsen und Tilgungsbeträge dafür andas Ausland abzuführen.

Freilich, auch unsere direkten Steuern werden sich ver-doppeln. Bei dem, der bisher 20 °/o seines Einkommens an Reich, Staatund Gemeinde gezahlt hat, werden es bis zu 40 %, in den höchsten