55
Ist Frankreichs Reichtum der eines gutsituierten Rentners,der von seinen Renten lebt und ständig Bargeld zur Verfügunghat, so der Englands eines Geschäftsmannes, dessen Reichtum denjenes Rentners zwar aufserordentlich übersteigt, der aber sein Geldstets im Geschäft arbeiten läfst, dadurch sehr viel mehr daranverdient, aber, da er auch mit fremdem Geld arbeitet, unter Um-ständen mehr dafür bezahlen mufs als jener. England ist derBankier, der Geschäftsvermittler, der Frachtführer der ganzenWelt, der gröfste Gläubiger und der gröfste Versorger mit Waren.Es ist das gröfste Exportland für Industrieerzeugnisse; seine Aus-fuhr dürfte 1907 9 Milliarden Jl erreicht haben, und ca. 1,2Milliarden Jl mehr betragen haben, als 1906. Englands Diskont-satz ist infolge der gewaltigen geschäftlichen Tätigkeit ständiggröfseren Schwankungen unterworfen als der französische, aber erist immer bedeutend niedriger als der deutsche, da es eben auchstets grofse Forderungen ans Ausland hat, die es verrechnen kann.Die Zahlungsbilanz Deutschlands war bis vor kurzem eine aktive.Vor Frankreich hat es die sehr viel gröfsere interozeanischeSchiffahrt und die starke Frachtenvermittlung auf Bahnen undBinnenwasserstrafsen für Rufsland, Österreich-Ungarn und dieSchweiz voraus, deren Bruttofrachten allein den gröfseren Teil desDefizits der deutschen Handelsbilanz ausgleichen dürften. Es be-sitzt auch viel ausländische Effekten, und zahlreiche deutsche Unternehmungen im Auslande verbessern ebenfalls seine Zahlungs-bilanz. Aber diese letzteren bilden keinen liquiden Posten. Dergrofse Einfuhrbedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen ruft be-sonders im Herbst Zahlungsverpflichtungen hervor; gerade dannkommt der Weizen, von dem Deutschland für 300—370 Millionen Jlim Jahre importiert, das Schmalz, wovon für 135 Millionen Jl,das Petroleum, wovon für 80 Millionen Jl eingeführt werden, zurVerschiffung; um diese Zeit sind von ihm die Anzahlungen fürBaumwolle zu leisten, für die 1 j 2 Milliarde Jl jährlich aufgewendet