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Überproduktion seine beiden wichtigsten Industrien: Schiffbau
und Spinnerei ebenso, wenn nicht in noch höherem Mafse, anAbsatzstockung leiden als unter dem Freihandelssystem. Dafs einderartiges Exportland wie England an der Zollabsperrung an-derer Länder ebenfalls schwer zu tragen hat, ist selbstverständ-lich, aber es leidet nicht so schlimm darunter, wie das Export-land Deutschland , da es seine Produktionskosten durch Zölle nichtverteuert, also billiger produziert als die „zollgeschützten“ Länder.
Aus dem Bier könnten, ohne es um einen Pfennig zu ver-teuern, 100 Millionen Jt mehr für die Reichskasse gezogen werden,wenn wir keine Zölle auf Gerste, Malz, Pferde, Hafer usw. hätten.Allein der Gerstenzoll verteuert die deutsche Bierproduktion ummehr als 80 Mill. Jt pro Jahr und bringt dem Reiche nur 10 Mill. Jt.Ohne den Schutzzoll für inländischen Tabak würde der Tabakdem Reiche mindestens 15 Mill. Jt mehr bringen. Von dem, wasdie Konsumenten an Branntweinsteuer aufbringen, fliefsen mindestens60 Mill. Jt in die Taschen der Brenner. Allein aus der bekanntenLiebesgabe sind den Brennern im Laufe der Jahre 1 Milliarde Jtzugefallen, während die Zuckerexportprämien nicht weniger als1438 Mill. Jt ausmachten; beides ohne Zins und Zinseszins. Mitdiesen berechnet sich der Wert dieser den Agrariern gemachtenGeschenke auf rund 70 % unserer gesamten Reichsschuld.
Man ist daher voll berechtigt zu erklären, dafs eine Gesun-dung der Finanzen von Reich, Einzelstaaten und Gemeinden nichtfrüher möglich ist, als bis Deutschland seine Schutzzölle, derenErtrag heut zum überwiegenden Teil in die Taschen einiger Pro-duzentengruppen fliefst, beseitigt hat und zu einem rationellenAusbau seiner Finanzzölle, seiner Verbrauchsabgaben und direktenSteuern gelangt. Bis dahin mufs jede sogenannte Fiuanzreformnach wenigen Jahren wieder zum vermehrten Defizit führen.
Auch England ist zu gesunden Finanzverhältnissen, zur Tilgungseiner Schulden erst nach dem Übergang zum Freihandel gekommen.