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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
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Wissenschaft und Technik, worin Deutschland auf den ver-schiedensten Gebieten der Chemie und Pharmazie, der Elektro-technik und des Maschinenbaues, in der Optik wie im Bau vonmusikalischen und wissenschaftlichen Instrumenten, in der Pelz-zurichterei wie in der Lederfabrikation u. a. m. führend wurde,hat in den Jahrzehnten vor dem Kriege für den Aufstieg derdeutschen Industrie und für die Steigerung ihrer Ausfuhr un-endlich viel mehr geleistet als das niedrige Lohnniveau einzelnerGewerbezweige. Unterstützt wurde die Ausfuhr durch die Ge-wandtheit, Sprachenkunde und Anpassungsfähigkeit der deutschenHandelsvertreter. Gute Organisation der Betriebe, wachsendeKapitalkraft mit billigem Zinsfuß, ein mustergültiges Bank-wesen und verhältnismäßig niedrige Steuerbelastung trugen beisteigender Lebenshaltung der breiten Massen zur befriedigendenRentabilität der Unternehmungen bei. Der stark zunehmendeVerbrauch von Fleisch, Ciern, Fetten, Vier und Tabak, derRückgang der Sterblichkeit, die Besserung der Wohnungsverhält-nisse waren untrügliche Beweise dafür, daß von dem Aufstiegder deutschen Wirtschaft auch die Arbeiter wesentlichen Ruhengezogen hatten.

Die Landwirtschaft profitierte ebenfalls davon:Mit der größeren Kaufkraft der breiten Massen wuchs derenAusnahmefähigkeit für die höherwertigen Rahrungsmittel:Fleisch, Milch, Butter, Cier, Gemüse, Obst. Die dadurch be-dingte stärkere Viehhaltung brachte den Feldern stärkere Stall-düngung, die im Verein mit der zunehmenden Verwendungkünstlichen Düngers zu steigenden Ernteerträgen führte. Trotzder Ermäßigung der Vrotgetreidezölle von 5 auf 3,50 Markfür 100 waren die Jahre nach Abschluß des russischenHandelsvertrages die des stärksten bis dahin dagewesenenAufschwunges der deutschen Landwirtschaft. Viehhalwng,Maschinenverwendung, Kunstdüngerverbrauch, Hektar- undStallerträge, Vermehrung von Klein- und Mittelbesitz erfuhrenwährend der Dauer dieser Verträge eine überaus starke Zu-nahme. Durch eine Notlage der Landwirtschaft war die Er-höhung der Agrarzölle in den Bülowverträgen in keiner Weise

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