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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
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Die französischen Löhne stehen tief unter denen der anderengroßen Industriestaaten. Ihr Niedrighalten hat es ermöglicht,den Kleinhandelsindex wie den Lebenshaltungsindex auf sotiefer Stufe zu halten. Im französischen Steinkohlenbergbau be-trug der durchschnittliche effektive Lohn, nachdem er im Laufedes Jahres 1928 erhöht worden war, pro Schicht 38 Fr.^ 6,156 NM., der der Untertagearbeiter 41 Fr. ^ 6,64 RM.In Deutschland für Gedingehauer 9,86, für Aebertagearbeiter(ausschließlich Handwerker) 7,05 RM. (im Ruhrrevier 10,16bzw. 7,41 NM.). Seit Jahresfrist sind die Löhne ein weniggestiegen.

Selbst da, wo ein unmittelbarer Wettbewerb zwischen deut-schen und französischen Arbeitern stattfindet, wie in derRhei n-schiffahrt, sind die französischen Löhne um über 23 v. H.niedriger als die deutschen. Allgemein dürften sie um mindestens30 v. H. unter ihnen stehen. Speziell in der Textilindustrie nochweit tiefer unter denen der englischen Textilarbeiter. 1928 wardie deutsche Ausfuhr nach England um 420 Mill. RM. nie-driger als 1913, die Frankreichs dorthin fast genau um die gleicheSumme höher. Vei dem niedrigen Lohnniveau und der günstigenAusnutzung der industriellen Kapazität arbeitet trotz der niedrigenWarenpreise die französische Industrie mit sehr befriedigenderRentabilität; sie bildet in erheblichem Umfang aus Ueber-schüssen neues Kapital. Vei dem niedrigen Kleinhandels- bzw.Lebenshaltungsindex ist auch die Lebenshaltung der französischen Arbeitnehmer trotz der niedrigen Nominallöhne keineswegs un-günstig; sie steht über der der Vorkriegszeit. Der billige Zins-satz der Pariser Privatdiskont ist mit 3,37 Prozent weitausder niedrigste der Welt erleichtert Kapitalinvestitionen sürRationalisierungen. Hier haben sie ihren Zweck erfüllt, haben,statt Arbeitskräfte brach zu legen, das Preisniveau gesenkt unddamit den Konsum belebt. Frankreich fühlt sich heute zum ersten-mal seit 200 Iahren England wirtschaftlich überlegen. NachPierre LyauteyI^a dawille economiczue" (Paris 1929) be-ruhen Englands Fehler hauptsächlichin der Aufblähung desStaatsbudgets, das den Nentner begünstigt, dem Beamten einen

z Georg Gothein , Lohnpolitik

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