Druckschrift 
Die Gefahr des neuen Zolltarifs / Von Hermann Butzke
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

des Schutzzolls als das erkannte, was es stets war, als eih Mittel ein -zelnerKreise unseres Volkes, sich selbst auf Kosten der Mehrheitungerechtfertigte Gewinne zu verschaffen.

Daß diese Ansichten nicht ausgestorben sind, sehen wir an den neuenBestrebungen, den alten Zolltarif auf leben und für einzelne Posten neueund erhöhte Zollsätze einzuführen. Am interessantesten wirkt sichaber die gegenteilige Bestrebung in der Automobilindustrie aus. In einerEingabe an den Reichswirtschaftsrat werden die Gründe für die Auf-hebung der jetzt bestehenden Einfuhrverbote, die nun natürlich nichtdurch hohe Zölle ersetzt werden dürfen, auseinandergesetzt.

Vor allem wird in dieser Eingabe festgestellt, daß eine Verlängerungder Einfuhrsperre weder im Interesse der Verbraucher noch der Industrieselbst liegt. Wenn von seiten der Fabrikanten erklärt wird, daß diejetzigen Löhne und Materialpreise sowie die steuerlichen Belastungeneiner Verbilligung entgegenstehen, so muß dem entgegengehalten werden,daß in den Ländern der Hauptkonkurrenz, England und den VereinigtenStaaten, die Materialpreise nur unwesentlich niedriger sind, währenddie Löhne das sechs- bis achtfache der bei uns gezahlten Sätze ausmachen.Insofern ist die deutsche Industrie günstiger gestellt, und hier liegt auchdie Erklärung für die zum mindesten eigenartig anmutende Erscheinung,daß bedeutende deutsche Automobilfabriken mit Offerten im Auslandeauf treten können, die in ihren Preisen bis zu 40% unter den deutschenInlandspreisen liegen. Deutsche Automobilhändler machen sich daszunutze und kaufen fabrikneue deutsche Wagen billiger im Auslande, alsdirekt ab Werk. Wie ist das zu erklären? Entweder verkaufen die Fa-briken im Ausland unter den Gestehungskosten und holen die Verlusteim deutschen Geschäft durch entsprechend höhere Preise wieder ein;dann ist diese Verschleuderung deutscher Arbeit nicht scharf genug zuverurteilen. Oder aber sie verdienen selbst bei den billigen Auslands-offerten; dann ist nicht zu verstehen, warum die Inlandspreise auf ihrerHöhe gehalten werden. Die Nachfrage würde ohne Zweifel eine erheb-liche Steigerung erfahren, wenn die Inlandspreise mit den Ausfuhr-preisen in Einklang gebracht werden, und aus dem gesteigerten Umsatzwürde letzten Endes ein größerer Gewinn zu erzielen sein. Die augen-blickliche Preisstellung übt einen lähmenden Einfluß auf den deutschenInlandsverbrauch aus.

In England hat man im August die Zölle auf Automobile trotz desWiderspruchs der Industrie aufgehoben und die Folge ist nicht derZusammenbruch der Automobilfabriken, den diese wie immer prophe-zeiten, sondern im Gegenteil eine Belebung des Geschäfts. Unter demDruck der einsetzenden ausländischen Konkurrenz haben jene Fabrikensich den neuen Verhältnissen anpassen müssen und erzielen heute bessereUmsätze als je. Die Beschäftigungsziffer in dieser Industrie ist gestiegen.Der Einfluß der Freiheit des Handels hat die segensreichsten Folgen gehabt.

Am bedeutsamsten aber für uns in Deutschland ist die veränderteStellung unserer Wissenschaft. Bei der kürzlich stattgefundenen TagungdesVereins für Sozialpolitik (in Stuttgart, September 1924), hat sicheiner der bisherigen stärksten Vertreter von Schutzzöllen, Herr ProfessorSermg, für den Freihandel bekannt und wörtlich erklärt, daß der Land-

21