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Die Gefahr des neuen Zolltarifs / Von Hermann Butzke
Entstehung
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davon sind und denen es bisher verhältnismäßig gut ging. Diese Kreiseerwarten durch die Anleihe neues Blut im Wirtschaftkörper und damitdie Möglichkeit neuen Fortwursteins.

Die schweren Lasten, die uns durch die Verwirklichung des Dawes-Gutachtens auf erlegt sind, können wir nicht tragen, indem jeder Berufs-zweig für sich versucht, diese Lasten abzuwälzen. Wir müssen alle andiesen Lasten tragen. Die starken Schultern viel, die schwachen Schul-tern wenig, ein jeder nach seinen Möglichkeiten, und um dies durchzu-setzen, muß gleiche Sonne, gleicher Wind über alle scheinen und alleumwehen. Ungeheuer sind die Aufgaben, die dem neuen Deutschland als Folgen des Zusammenbruchs des alten Reichs und der alten Wirt-schaftspolitik, die in der Bevorzugung einzelner Klassen bestand, er-wachsen. Die höchste Kraft in der Produktion ist notwendig, um dieseAufgaben zu lösen. Wir können uns nicht den Luxus erlauben, Zuschüssean konkurrenzfähige Berufszweige zu geben. Wir können also keinenZolltarif gebrauchen, der zugunsten einzelner Berufe gemacht, von denInteressen einzelner Berufe diktiert, die Gesamtinteressen des deutschenVolkes außer Acht läßt. Maßgebend für die Frage eines Zolltarifs darfnur das Interesse des Allgemeinwohls sein. Gegendieses höchste Gebot der Moral, die keine Bevorzugung oder Benach-teiligung kennen darf, verstößt der Interessententarif der deutschenRegierung. Man kann aus den einzelnen Positionen herauslesen, ob dieSätze von Profitgier, Unwissenheit, Konkurrenzneid oder aus welchandern selbstsüchtigen Motiven eingegeben wurden, und wir müssenvon einer Regierung, die nicht Sachwalter der Interessen einer Partei,eines Berufszweiges sein will, fordern, daß sie einen klügeren, denInteressen des Gemeinwohls förderlichen Tarif aufstellt.

Wir stehen am Wendepunkt unseres Geschicks.

Mögen alle Berufenen die Frage prüfen, ob wir einzelnen KlassenSondervorteile auf Kosten der Gesamtheit einräumen können, oder obwir nicht vielmehr uns nur von dftm Wohle der Allgemeinheit leitenlassen können. Diese Frage läßt sich durch das Motto ausdrücken:

Freihandel, Frieden und der gute Wille unter

den Nationen.

Die deutsche Wissenschaft stellt sich um!

Im Deutschland der Vorkriegszeit bestand einseitige Bevorzugungder Landwirtschaft, weil diese sich immer auf denSchutz dernationalen Arbeit berief, mit der es allein möglichsein sollte, die Sicherheit des Vaterlandes durch Versorgung der Be-völkerung im Falle eines Krieges zu gewährleisten. Es erschien deshalbdamals unmöglich, gegen das System der Selbstblockade durch Schutz-zölle anzugehen. Hierin ist ein Wandel eingetreten. Seit einiger Zeithat sich gerade bei einsichtsvollen Männern des praktischen Lebensund bei Wissenschaftlern eine andere Erkenntnis Bahn gebrochen. DieLehren des Krieges, der Zusammenbruch der Ernährung, das Versagender agrarischen Kreise und die am 2. August 1914 notwendig gewesenerestlose Öffnung der Grenzen haben dazu geführt, daß man das System

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