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Die Gefahr des neuen Zolltarifs / Von Hermann Butzke
Entstehung
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bitionsgelüsten strotzenden neuen Tarif sieht?? Die kurze offizielleNachricht über den Abbruch der Verhandlungen sagt uns nichts über dieAufnahme etwa vorgelegter deutscher Forderungen. Aber ist es anzu-nehmen, daß man gern 300% mehr Zoll für Kunstseide, 300% mehrfür Spitzen usw. zugestehen wird? Niemand wird dies glauben, unddeshalb müssen Verhandlungen mit dem neuen Zolltarif unglücklichauslaufen.

Was soll geschehen?

Deutschland muß erstens den heutigen Zolltarif nicht als Basis füretwaige Verhandlungen mit anderen Staaten benutzen, sondern es mußerkennen, daß nach diesem verlorenen Kriege seine Rettung nur in einerAbkehr von den Methoden bestehen kann, die mit zu unserm Unglückbeigetragen haben.

Wir können uns nicht die Experimente erlauben, auszuproben, obwir mit den alten Zollsätzen oder mit einigen neuen, die um 100%oder 300% oder gar 1000% höher sind, unsere Wirtschaft wieder auf-richten können. Wir können vor allem unsere Lebensmittel nicht ver-teuern lassen, indem wir zugunsten unserer Landwirte Getreide-,Nahrungs- und Genußmittelzölle einführen. Wir können keinemBerufszweig weiter Monopolstellung zugestehen, sondern müssen, umexportieren zu können, unsere Rohstoffe dort hernehmen, wo wir sieam wohlfeilsten bekommen können.

Wir müssen uns klar darüber sein, daß es nicht bloß Worte sind, wenngesagt wird, daß wir unsern Export ms Ungemessene steigern müssen,um unsern Verpflichtungen nachzukommen. Wir müssen auch ver-stehen, daß die Exportmöglichkeit abhängig vom Frieden ist und daßKampftarife leicht zu Streitigkeiten führen, die nicht immer mit denWaffen ausgefochten werden brauchen, sondern eben so leicht und genauso katastrophal als Handels- und Zollkriege wirken.

Der Schutzzoll hat in 50jährigftr Praxis den Ertrag des deutschenBodens nicht so gesteigert, daß die deutsche Landwirtschaft die Be-völkerung ernähren kann. Es ist ein Spiel mit dem Feuer,heute für diese Landwirtschaft neue Schutzzölle zu fordern.Auf dem Gebiete der Lebensmittelversorgung kann uns nur schran-kenloser Freihandel retten. Nur bei schrankenlosem, radi-kalem Freihandel in des Wortes wahrster Bedeutung kann die Ernährungunseres Volkes finanziell auf das niedrigste Maß gebracht werden.Die Positionen, die Erzeugnisse des Acker?, Garten- und Wiesenbausbetreffen, sind in Zukunft von jedem Zoll frei zu lassen. Hierüber nochmit den Interessenten verhandeln, heißt Selbstmord begehen. Wirkönnen unsere Lebensmittel nicht zugunsten der Taschen einerkleinen Minderheit unseres Volkes verteuern lassen. Die Mehrheit desVolkes braucht billige Nahrungsmittel, und 12 Y> MillionenTonnen fehlen-der Nahrungsmittel können unsere Agrarier nicht aus der Erde stampfen.

Schwerer wird die Frage über die Industriezölle zu lösen sein, denn esgibt viele Industrielle, die wohl an segensreiche Folgen eines Übergangsvon dem verfehlten System der Schutzzölle zum Freihandel glauben;aber es gibt mehr und vielleicht einflußreichere, die nicht so überzeugt

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