Druckschrift 
Die wirthschaftliche Krisis / von Wilhelm Oechelhaeuser
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen
 

und Börsengeschäften angelegten Capitalien in hohem Grade einewertherzeugende Kraft hei. Kein Theil des nationalen Kapitals kannfruchtbringender angelegt werden, als in Banken, die ihre Bestimmungerfüllen. Und da die Kapitalien für den weiten Umfang, den dieBörsen- und Creditgeschäfte in den günstigsten Zeiten annehmen, vor-gesehen werden müssen, so ist selbst der Ueberschuss, welcher vor-übergehend in der reinen Spekulation seine Verwendung findet, nicht alsunproductiv anzusehen. Auch das Waaren-Differenzgeschäft darf, bis zueinem gewissen Grad, als productiv gelten, indem es die Waaren zeit-lich und örtlich dahin vertheilt, wo sie gesucht werden, also denhöchsten Werth haben. Unbedingt kommt aber die Bezeichnung derUnproductivität der reinen Agiotage und den Differenzgeschäften inFonds zu, welche zeitweise das legitime Geschäft so überwuchern, dassman z. B. im Jahre 1872 die Umsätze der Agioteurs an der BerlinerBörse auf den zehnfachen Betrag der reellen Umsätze veranschlagte.

Ehe wir nun an die specielle Besprechung der gegenwärtigenKrisis gehen, ist es nothwendig, in der Kürze die Charakteristikdieser wirthschaftlichen. Phänomene zu zeichnen. Es erscheint diesum so nothwendiger, als wir auf diesem Gebiet fest eingewurzeltenVorurtheilen begegnen, welche der richtigen Auffassung und Wür-digung der Erscheinungen entgegen treten, und damit insbesondereverhindern, heilsame Lehren für die Zukunft daraus abzuleiten.

In der Beurtheilung der Krisen tritt vor Allem eine, die popu-läre Auffassung aller wirthschaftlichen Vorgänge characterisirende Ein-seitigkeit in ihrer höchsten Potenz zu Tage, nämlich bei den ge-schäftlichen Transactionen, die doch stets zwei Parteien, Verkäuferund Käufer oder Produzent und Consument, voraussetzen immer nurdie Eine Seite des Vorganges, das Interesse der Einen Partei insAuge zu fassen und danach die Erscheinungen zu characterisiren.Die Beurtheilung tritt in der Regel auf die Seite, wo der Nutzen oderSchaden äusserlich am sichtbarsten hervortritt, sich am stärksten kon-zentrirt, oder sich am Geschicktesten geltend macht. Das Aufblüheneines Industriezweigs durch ein bedeutendes Steigen der Preise seinerErzeugnisse sieht Jedermann, während die Opfer, welche die Preis-erhöhung auferlegt, aus tausend Kanälen zusammenfliessen, sichäusserlich unmerkbar auf Tausende von Consumenten vertheilen,deren Gegeninteresse nicht so ins Auge fällt und die es, hei solcherZersplitterung, gar nicht öffentlich geltend zu machen vermögen.Diese Einseitigkeit wird umsomehr genährt, wenn die allgemein stei-gende Tendenz des Marktes den unmittelbar Betroffenen erlaubt,