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Die wirthschaftliche Krisis / von Wilhelm Oechelhaeuser
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Es ergiebt sich aus all diesem, wie in der Vergleichung zwischenPreis und natürlichem Werth allerdings ein fassbarer Anhaltspunktgewonnen ist, und zwar der Einzige der sich bietet, wie es da-gegen für jedes einzelne Gewerbe, jede Werthkategorie, der genauenBeobachtung und Prüfung durch den Sachverständigen bedarf, um indem Schwanken der Preise und Verhältnisse den Begriff des natür-lichen Werthes festzuhalten. Der Volkswirth kann hier also nur imAllgemeinen den Weg zeigen; in jedem einzelnen Falle das Rich-tige zu treffen ist Sache derer, welche Kapital oder Kraft einembestimmten Zweige der Gewerbthätigkeit zugewandt haben. Findenhiernach auch in ruhigen Zeiten Schwankungen der Preise um dieAchse des natürlichen Werthes statt, so werden sich dennoch diesePerioden ruhiger, normaler Fortentwickelung, in ihrem specifischenUnterschied von kritischen Zeiten leicht erkennen lassen.

Wir haben nun die Aenderungen zu betrachten, die in den wirth-schaftlichen Erscheinungen eintreten, sobald die ruhige gleichmässigeEntfaltung def Kräfte durch Hinzutritt aussergewöhnlicher Ereignisseaus der Bahn gelenkt wird. Unterstellen wir zuerst, dass diese Er-eignisse günstiger Natur seien, oder doch so aufgefasst werden.Beides ist nämlich gleich geeignet, den Anstoss zu Krisen zu geben;ja die Meinungen der Menschen sind hierbei noch viel einflussreicherals die sachliche Gestaltung der Verhältnisse. Eine Periode längererRuhe trägt ohnedies die Neigung zu Ausschreitungen nach oben stetsschon im Schoosse, so dass es nur des Hinzutretens, oft geringfügigeräusserer Einwirkungen bedarf, um den Spekulationsgeist zu entfesseln.So sehen wir denn auch in Wirklichkeit allgemeine Kalamitäten fastniemals direct aus einem normalen wirthschaftlichen Zustand hervor-gehen, sondern als Rückschläge von Ueberspeculationen, von Krisennach oben, eintreten. Ja, man kann sagen, dass dieser Uebergangfast ausnahmslos stattfindet, insofern der Widerstreit der Einwirkungensich bloss auf das wirthschaftliche Gebiet beschränkte, und nicht un-vorherzusehende äussere Ereignisse, z. B. Krieg, Revolutionen eiu-griffen. Es ist deshalb besonders lehrreich, dass in den wechsel-vollen Vorgängen seit 1870 nur wirthschaftliche Kräfte im Kampfmit einander standen, während die politischen Verhältnisse gleichgünstig blieben, Ruhe und Frieden in der Welt weder eine Störungerlitten, noch ernstlich befürchten Hessen.

Das äusserlich kennbarste Zeichen einer solchen, nach dem ge-wöhnlichen Ausdruck als günstig, als glänzend bezeichneten Periode,wie sie z. B. von Mitte 1871 bis in das Jahr 1873 hinein stattfand,