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Im Uebrigen wolle man auch nicht übersehen, wie die Aus-schreitungen der letzten Jahre ganz aussergewöhnliche, in solcherIntensität wohl nie wiederkehrende Verhältnisse zur Voraussetzunghatten, wobei alles, was denkbar ist, zusammentraf, den unsolid-spekulativen Neigungen Vorschub zu leisten. Verzweifeln wir des-halb nicht an einer Verhütung der Wiederkehr so weit gehenderwirthschaftlicher Excesse, umsoweniger, wenn ernstlich Hand an dieReform gelegt wird.
Wenn übrigens der Staat der Börse mit gutem Beispiel voran-gehen, das Spiel brandmarken will, so soll er zuerst bei sich selbstanfangen, und das hässlichste Vorbild aller Spielwirthschaft, dieStaatslotterie, beseitigen, die wie ein Schandfleck in das solideSteuerleben unserer Nation hineinragt. Es ist dies ein Akt, den dieöffentliche Moral so gebieterisch fordert, dass Finanzinteressen da-gegen gar nicht zu Wort kommen dürfen, am wenigsten in einemStaate von der Finanzlage des Preussischen. Das Institut der Staats-lotterie ist eines grossen Kulturstaates geradezu unwürdig. Wennman durch das Gesetz vom 8. Juni 1871 von Reichswegen diePrämien-Anleihen aufhob, so werden wir die Letzten sein, imPrinzip zu widersprechen. Allein man darf es doch wohl eine kleinepolitische Heuchelei nennen, wenn man die unschuldigste aller Lot-terieformen aufhob, und die hässlichste bestehen liess, wenn sichferner der Staat das Recht vorbehielt, auch ferner noch von diesemAnleihemodus für sich selbst Gebrauch zu machen, den er, ausGründen der Moral, den Privatgesellschaften untersagte. Wird etwaein unwirtschaftlicher oder unmoralischer Vorgang dieses Charaktersentkleidet, wenn der Staat geruht, ihn zu seinem Nutzen auszu-beuten? Wenn der Staat mit voller Autorität gegen das Spiel, inall seinen Formen, auftreten will, so muss er mit den Reformen beisich selbst anfangen, und diesen letzten traurigen Rest einer Fisca-lität beseitigen, für welche die Rücksichten der höheren Staatsmoralnoch keine Geltung hatten.
Wir müssen zum Schluss dieses Kapitels auf die Eisenbahn-politik zurückkommen, die zwar nicht direkt mit der Krisis undihren Heilungs- und Vorbeugungsmitteln zusammenhängt, dennochaber in der Geschichte der letzten Jahre eine bedeutende Rolle spielteund Gelegenheit zu allseitiger Beurtheilung ihres Werths oder Un-werths geboten hat. Die Erfahrung dieser kritischen Zeit hat einmal
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