Bei richtig geleiteter deutscher Politik, die die Fühlung mit Russland pflegt, ist Österreich-Ungarn unser Vasall und auf uns angewiesen,auch ohne Bündnisse und Gegenleistungen, bei falsch geleiteter sindwir auf Österreich angewiesen. Das Bündnis war daher zwecklos.
Ich kannte Österreich zu genau, um nicht zu wissen, dass eineRückkehr zur Politik des Fürsten Felix Schwarzenberg oder desGrafen Moritz Esterhazy dort undenkbar war. So wenig die dor-tigen Slawen uns lieben, so wenig wollen sie in ein deutsches Kaiser-reich zurückkehren, selbst mit Habsburg-Lothringer Spitze. Siestreben den Föderalismus innerhalb Österreichs an auf nationalerGrundlage, ein Zustand, der im Rahmen des Deutschen Reichesnoch viel weniger Aussicht auf Verwirklichung hätte wie unter demDoppeladler. Die Deutschen Österreichs aber erkennen in Berlin den Mittelpunkt deutscher Macht und Kultur, und wissen, dassÖsterreich niemals wieder Präsidialmacht werden kann. Sie wün-schen einen möglichst intimen Anschluss an das Reich, nicht abereine antideutsche Politik.
Seit den siebziger Jahren hatte sich die Lage von Grund ausverändert in Österreich wie etwa in Bayern . Wie hier eine Rück-kehr zum grossdeutschen Partikularismus und zur altbayerischenPolitik nicht zu befürchten ist, so war dort ein Wiederaufleben derPolitik des Fürsten Kaunitz und Schwarzenberg nicht zu ge-wärtigen. Unsere Interessen aber würden durch einen staatsrecht-lichen Anschluss Österreichs, das auch ohne Galizien und Dalmatien nur etwa zur Hälfte von Germanen bewohnt ist, also etwa eingrosses Belgiendarstellt, ebenso leiden wie andererseits durch Unter-ordnung unserer Politik unter Wiener und Pester Gesichtspunkte— d’epouser les querelies de l’Autriche (sich mit den österreichischenZwistigkeiten zu vermählen).
Wir brauchten daher keine Rücksichten auf die Wünscheunserer „Bundesgenossen“ zu nehmen, sie waren nicht nur unnötig,sondern auch gefährlich, weil sie zum Zusammenstoss mit Russ-land führten, wenn wir orientalische Fragen durch österreichischeBrillen betrachteten. Die Ausgestaltung des Bündnisses aus einemunter einer einzigen Voraussetzung geschlossenen „Zweckverbande“ zu einer „Gesamtgemeinde“, zu einer Interessengemeinschaft aufallen Gebieten, war geeignet, eben dasjenige herbeizuführen, wasdas Rechtsgeschäft verhindern sollte — den Krieg. Eine solcheBündnispolitik musste ausserdem den Verlust der Sympathien14