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Währung und Landwirtschaft / gemeinfaßlich dargest. von Karl Helfferich
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von Frohndiensten mit großen Opfern erkaufen, durch Zahlung einerRente und Abtretung eines großen Teils ihres bisherigen Landbesitzesan den Gutsherrn. So vollzog sich die große Reform, welche für dasGedeihen von Gutsherrn nnd Bauern in gleicher Weise unbedingt not-wendig war, lediglich auf Kosten des Bauernstandes. Diese ge-schichtliche Erinnerung sollten sich die wirklichen Bauern stets gegen-wärtig halten, wenn sich der Junker alsBauer" aufspielt nnd vonderGemeinsamkeit der Interessen" des großen uud kleinen Grund-besitzes predigt. Aber gerade die damalige gutsherrliche Selbstsuchträcht sich heute an den Nachkommen der früheren Gutsherrn. Dnrchdie Beseitigung des kleinen Bauernstandes, zn welcher sie dnrch ihrenLandhunger getrieben wurdeu, haben sie auch die Wurzeln eines gesundenArbeiter stand es beseitigt, nnd die heutigen schlimmen Arbeiter-Verhältnisse nicht nur schlimm für den Arbeiter sondern vielleichtnoch schlimmer für den Gutsherrn sind die naturgemäße Folge derdamaligen Sünden. Ein brauchbarer Landarbeiterstand kannnur im sozialen Zusammenhang mit einem gesunden Bauernstandgedeihen, am besten im Verband des Dorfes. Sobald dieser sozialeZusammenhang fehlt, sobald der besitzlose Tagelöhner, wie derInste"*)in den östlichen Provinzen, unvermittelt dem großen Grundbesitzer gegen-übersteht, mnß der ländliche Arbeiterstand verkrüppeln. In richtigerErkenntnis dieser Thatsache wird von Kennern der östlichen Verhält-nisse die teilweise Zerschlagung von Rittergütern uud dieEinsprengung von Bauerndörfern als einziges Mittel zurSchaffung befriedigender Arbeitsverhältnisse verlangt.

Größere technische Verbesserungen waren vor der Neuordnung desBesitzrechts so gut wie unmöglich. Die Fesseln, welche Gutsherrn undBauern verbanden, hemmten jeden gesnnden Fortschritt. Jetzt ersuhr derlandwirtschaftliche Betrieb eine gänzliche Umgestaltung. An Stelle derreinen Dreifelderwirtschaft und FeldgraSwirtschaft wurden verbesserteSysteme eingeführt, besonders Fruchtwechsclwirtschaft. Die Brachhnltungwurde erheblich eingeschränkt und dafür der Bau von Futtergewächsenbeträchtlich vermehrt. Während im Gebiet des Deutschen Reiches zuAnfang dieses Jahrhunderts die Brache noch etwa 33°/o des ganzenAckerlandes ausmachte, betrug sie im Jahre 1883 nur wenig über

*) Der Inste wohnt isoliert auf dem Gute seines Arbeitsherrn insog.Käthen " (Hütten), die oft in dem elendesten Zustande sind. Der Guls-herr überläßt ihm etwas Land zum Kartoffel- und Gemüsebau. Der Instehält meist ein paar Schweine, manchmal auch eine Kuh. Außerdem beziehter einen kleinen Anteil an der Getreideernte in natura und einen sehr niedrigenGeldlohn. Er ist stets verheiratet, da er seine Frau und außerdem einenScharwcrker" zur Arbeit auf dem Gute mitbringen mnß. DerScharwerker",ein junger Bursche, ist häufig ein Sohn oder ein anderes Familienmitglied,häufig wird er auch von dem Inste eigens gemietet. Das Jnstentum ist imAussterbcn begriffen, da die heranwachsende Jugend das industrielle Arbeiler-lum in den Städten dem Jnstenverhältnis vorzieht.