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Währung und Landwirtschaft / gemeinfaßlich dargest. von Karl Helfferich
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sein; man rechnete mich für die Zukunft nicht bloß auf gleichbleibende,sondern sogar auf fortgesetzt steigende Reinerträge. Während derindustrielle Unternehmer vorsichtig genug ist, Jahre außerordentlich gutenGeschäftsgangs zn starken Abschreibungen zu verwenden, thaten dieLandwirte das umgekehrte. Sie kapitalisierten ihre abnorm hohen Renten,und nicht znfrieden damit, sie kapitalisierten sogar die noch höherenReuten, welche sie für die Zukunft erwarteten.Infolgedessen sinddie für Güter gezahlten Preise schon seit einem Jahrzehnt nicht nurdem zukünftig zu erwartenden sondern anch dem gegenwärtigen ErtragS-wert nicht entsprechend; sie sind nach einem so hohen Ertragswcrt be-messen, wie sie ihn auch iu der Vergaugeuhcit niemals gehabt haben."(von der Goltz.)

Entsprechend dieser willkürlichen Ueberschätzuug des Ertragswerteswurden viele Güter bei Käufen durch Kmifgcldrester, bei Erbteilnngendnrch Anteile der Miterben hypothekarisch viel zu hoch belastet. Solange das Steigen der Reinertrüge anhielt, konnte diese ungesundeUeberlastung durch die Preisgestaltung der landwirtschaftlichen Produtteunschädlich gemacht werden. Sobald aber mir ein Gleichbleiben derReinerträge eintrat, und noch mehr natürlich, sobald dieselben einesinkende Bewegung nahmen, mnßtcn sich die schlimmen Folgen derUeberschuldung in aller Schürfe zeigen.

Die Periode steigender Getreidepreise und steigender Reinerträgeerreichte ihren Höhepunkt in der ersten Hälfte der siebenziger Jahre.Vom Ende der siebenziger Jahre mi folgte eine Periode mit umgekehrterTendenz. Schon in früheren Jahren, so zu Beginn der 50er undMitte der 60er Jahre hatte die deutsche Landwirtschaft schlimme Krisendurchzumachen, ebenfalls infolge der Preisgestaltung; aber hier han-delte es sich mir um vorübergehende Erscheinungen, während der Preis-rückgang der landwirtschaftlichen Produkte, welcher in der zweiten Hälfte der70er Jahre begann, auf dauernden Ursachen beruht. Die industrielle Ent-wickelung hatte aus dem bisherigen Ackerbanlande, welches von seiner Ge-trcideprodnktiou an das Ausland abgeben konnte, im wesentlichen einenIndustriestaat werden lassen, welcher zur Befriedigung seines BrotbedarfesGetreide aus dem Ausland beziehen mußte. Die Agrarier, welchewährend der Zeit, in welcher Deutschland Getreideerportlcmd war, i»welcher sie also ein Interesse daran hatten, möglichst ungehindert ihreProdukte exportieren zu können, Freihändler gewesen waren, hattensich damit in Schntzzöllner verwandelt, denn jetzt lag ihnen daran,möglichst die Getrcideimporte aus dem Ausland zu erschweren, um dadurchmöglichst hohe Preise im Jnlande erzielen zu können. Sie schloffen sichder von der Industrie (vornehmlich der Eisen- und Spinnereiindustrie)ausgehenden Schutzzollbewegung an. Aber die Einführung der Ge-treidezölle und ihre späteren Erhöhungen erwiesen sich als unwirksam,dem Sinken der Getreidepreisc entgegenzutreten. Alle diejenigen, welchein der Spekulation auf fernerhin steigende Reinerträge ihre Güterüberschuldet hatten, wurden dadurch in die schlimmste Lage versetzt.