Druckschrift 
Währung und Landwirtschaft / gemeinfaßlich dargest. von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen
 

Dagegen krankt die deutsche Landwirtschaft außer an demgeschilderten welthistorischen Umschwung noch an verschiedenen kleinerenUebeln, Eines davon haben wir bereits erwähnt. Es betrifft spezielldie Provinzen des Großgrundbesitzes: die mißlichen Arbeiter-verhältnisse im Osten der Elbe . Das Jnstentnm hat sichvöllig überlebt und ist gänzlich im Absterben. An seine Stelle tretenmehr und mehr die polnischen Wanderarbeiter, während allePersuche, eine seßhafte Landarbeiterbevölkeruug zu schaffen, bisher nurin geringem Umfang geglückt sind. Ein weiterer Uebelstand ist dierückständige landwirtschaftliche Technik, und die nicht seltene mangel-hafte Leitung der großen Gutsbetriebe. Sehr viele unsrer adeligenGroßgrundbesitzer verbringen ihre besten Jahre in der Armee als Offi-ziere, oder als Beamte in der Verwaltung; wenn sie dann in späterenJahren die Leitung ihres landwirtschaftlichen Betriebes in die Handnehmen, dann fehlen ihnen meist die uotweudigen oder doch sehrwünschenswerten Kenntnisse in der landwirtschaftlichen Technik.

Es kommt hinzu, daß der riesige Aufschwung der landwirtschaft-lichen Reinertrüge, welcher in der Gründerzeit (1873) seinen Höhepunkterreichte, hauptsächlich die großen Grundbesitzer zu höherer Lebens-halt n n g verleitete. Der preußische Adel war früher ein armer Adelund er lebte dementsprechend schlicht und einfach. Nun schien plötzlichein Füllhorn unermeßlichen Reichtums über ihn ausgegossen. Als sichaber der Segen als ein vergänglicher herausstellte, als die Reinerträgeanfingen, wieder zurückzugehen, da vermochte es der größte Teil deradeligen Großgrundbesitzer nicht über sich, seine Lebenshaltung ent-sprechend einzuschränken. Die Söhne dienen nach wie vor bei derGarde und der Kavallerie; oder die jungen Herren studieren und werdenaktiv beifeudalen" Korps was das kostet, ist ja kein Geheimnis.Diese typische Erziehung, in welcher der jugendliche Adel aufwächst, mußnatürlich die hohen Ansprüche in Bezug auf Lebenshaltung stabilisieren.

Der Vorwnrf übertriebener Lebenshaltung und mangelhafter Vor-bereitung der Söhne für ihren künftigen Beruf trifft übrigens nichtallein den adeligen, sondern ebenso auch den bürgerlichen Großgrund-besitz. Auch hier fehlt es vor allem an der praktischen Vorbereitung.Die Söhne gehen ein oder mehrere Jahr als Volontäre auf sogenannteMusterwirtschaften, die nicht gerade immer sind, was sie heißen.Praktisch sind die jungen Leute dort sehr wenig thätig. Sie glaubenschwer genug zu arbeiten, wenn sie die Felder abreiten und sehen, wasfür Arbeiten verrichtet werden. Dann besuchen sie eventuell eine land-wirtschaftliche Hochschule, auf denen manche arbeiten und etwas lernen,manche aber auch nicht. Dazn kommt das Jahr beim Militär, undder Landwirt ist fertig. Haben es die jungen Leute ernst ge-nommen, dann besitzen sie nun wohl allgemeine Kenntnisse, aber diePraris geht ihnen ab; sie haben vielleicht disponieren gelernt, sindaber nicht im stände, die einzelnen Arbeiten auszuführen und zu über-wachen. Dadurch stehen sie von vornherein in Abhängigkeit von einem