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Währung und Landwirtschaft / gemeinfaßlich dargest. von Karl Helfferich
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riesenhafte Ausdehnung des Eisenbahnnetzes zugänglich gemacht, zudemwurden die Frachtkosten für Land- und Wassertranspart fortwährenderheblich herabgesetzt, und dadurch wurde es diesen neuen Länder er-möglicht, ihr Getreide mit minimalen, stets sich verminderndenTransportkosten belastet, ans den Weltmarkt zu werfen. Bezüg-lich der indischen Konkurrenz speziell ist außerdem die Eröffnung desSuezkanals in Betracht zu ziehen, welcher den Weg von Indien nachEuropa erheblich abkürzt und eine bedeutende Ermäßigung der Frachtvon Indien nach Europa hervorrief; 1881 betrug die Fracht Kalkutta London ca. 60, 1892 nnr 15 K. Außerdem ist gauz allgemeineine sehr starke Ermäßigung der Eisenbahn- und Tampfschifffracht ein-getreten, teils infolge technischer Verbesserungen, teils infolge verschärfterKonkurrenz. Alle diese Umstände erklären hinreichend,daß der Preis des Getreides die seit den 30er Jahrensteigende Bewegung nicht fortgesetzt, sondern eine rück-läufig e B e w e g u n g eingeschlagen hat. Die Währungsver-hältnisse brauchen deshalb zur Erklärung der landwirtschaftlichenKrisis, welche durch das Sinken der Preise, verbunden mit der bestehen-den Ucbcrschuldung, hervorgerufen wurde, nicht erst herbeigezogen zuwerden; denn an all den geschilde rten Thatsa chen sind dieWährungsverhältnisse vollkommen unschuldig.

Daß dem so ist, darüber kann man sich am besten klar werden,wenn man erwägt, daß außer Indien, Rußland und Argentinien zudcu auf dem Eetreidemarkt scharf konkurriereudeu Ländern wichtigeStaaten gehören, welche Goldwährung haben, wie wir; hierher gehörenvor allem die Vereinigten Staaten von Amerika , aber auchCanada, Ägypten und Australien alles Goldwähr ungs-länder. Würeu wirklich die Währungsvcrhältnisse schuld an der land-wirtschaftlichen Notlage, wie ließe sich die Konkurrenzfähigkeit dieserGebiete ans dem Weltmarkt erklären?

Es handelt sich eben einfach darum, daß dem europäischen Acker-bau eine Konkurrenz erwachsen ist, welche unter weit günstigeren natür-lich en Bedingungen produziert, und welche infolgedessen die Rentabilitätdes europäischen Ackerbaus in ihrer steigenden Tendenz unterbrach undeine sinkende Tendenz hervorrief. Das ist ein großer weltgeschichtlicherVorgang, welcher für die Gesamtheit der Menschen ein Glück ist;denn er ermöglicht, daß mit weniger Arbeitsaufwand als bisher dieMenschheit mit den notwendigen Nahrungsmitteln versorgt werden kann.Es giebt nur leider, besonders in wirtschaftlicher Beziehung, keinen Fort-schritt, welcher nicht bestimmte Interessen verletzt so wenig wie einenRückschritt, der nicht bestimmte Interessen fördert. So ist im Interesse derdeutschen Landwirte der eingetretene Umschwung gewiß zn beklagen; aberwie soll Deutschland dieser weltgeschichtlichen Entwickelung in die Speichenfallen? Jedenfalls hat diese Entwickelung an und für sich mit denWührungsverhültnissen nicht das mindeste zu schaffen, kann also durchAktionen auf währungspolitischem Gebiet nicht rückgängig gemacht werden.