Aufsatz 
Ludwig Bamberger als Währungspolitiker / Karl Helfferich
Entstehung
Seite
82
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regierung möglich gewesen, binnen einer kurzen Zeit alles über-flüssige Silber aus dem Verkehr zu ziehen, ohne auf die Ver-kaufsgelegenheiten zu warten und ohne einen Zinsverlust zuerleiden. Dadurch hätte die Reichsregierung vor allem die sowertvolle Gewissheit über die Grösse der abzustossenden Silber-menge frühzeitig erhalten, und der Gamphausensche Optimismus,welcher für die ganze Reform nahezu verhängnisvoll gewordenwäre, hätte rechtzeitig seine Widerlegung erfahren. Ferner hättedie Regierung stets verkaufsbereite Silberbestände zur Handgehabt, welche ihr die sofortige Benutzung jeder günstigenKonjunktur auf dem Silbermarkt ermöglicht hätten. Diese Vor-teile waren unverkennbar, und auf der anderen Seite war keinerleiGefahr mit der Ausgabe von Münzscheinen verknüpft. Siestellten ja kein Papiergeld im gewöhnlichen Sinn des Wortesdar, sondern durch Edelmetall, das im Umwandlungsprozess be-griffen war, voll gedeckte Zertifikate, die mit der Vollendungdes Umwandlungsprozesses von selbst wieder verschwundenwären.

Aber dieselbe Abneigung gegen papierne Umlaufsmittel,welcher Bamberger bei der Bankgesetzgebung in der Frage derNotenkontingentierung unterlag, verhinderte auch die Annahmeseines Antrags über die Münzscheine. Sowohl die Regierung alsauch der Reichstag verhielten sich ablehnend gegen das Projekt,das von vornherein Klarheit über die Grösse der zu bewältigen-den Aufgabe geschaffen und dadurch manche Unterlassungs-sünde verhindert hätte.

Nur durch die gänzlich falsche Annahme, der deutscheUmlauf werde überhaupt keine grossen Summen von Silber-geld abzustossen haben, lässt sich die Saumseligkeit erklären,mit der die Regierung auch nach dem Erlass des Münzgesetzesvom 9. Juli 1873 die Silberabstossung betrieb, trotz allerWarnungen von sachverständiger Seite und trotzdem die Mass-regeln des lateinischen Münzbundes ein beschleunigtes Tempobei der Silberveräusserung dringend wünschenswert erscheinenliessen. Die Silbereinziehung kam wohl in einen etwas leb-hafteren Gang, aber das eingezogene Silber wurde zum grossenTeil zur Ausprägung von Reichssilbermünzen verwendet. Dererste Silberverkauf erfolgte im Oktober 1873. Ein starkes An-schwellen des indischen Silberbedarfs in den ersten Monaten