Aufsatz 
Ludwig Bamberger als Währungspolitiker / Karl Helfferich
Entstehung
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gerade auf der gegenwärtigen Epoche verweilen möchte, alsauf der, in welcher die ersten Anzeichen einer so grossartigenund tiefbedeutenden Umwälzung hervortraten."

Seither ist erst ein Vierteljahrhundert verflossen, und dieseVoraussagung hat sich im vollsten Umfang bestätigt. Nichtnur in den Staaten der europäischen Kultur, sondern weit überdiesen Kreis hinaus, auch in Indien und Japan , hat das Silberdie frühere Gleichberechtigung mit dem Golde eingebüsst undist zum Geldmetall zweiter Ordnung, das im wesentlichen nurden Bedarf für kleinere Zahlungen zu befriedigen hat, herab-gesunken.

Es mag als eine der auffallendsten Verirrungen erscheinen,dass jene Bestätigung der richtigen Voraussicht, die bei derFeststellung des Endziels der deutschen Geldreform ausschlag-gebend gewesen war, von goldwährungsfeindlicher Seite in Un-gerades Gegenteil verkehrt worden ist. Deutschlands Währungs-wechsel wurde dargestellt als ein Willkürakt, der von manchester-lichem Doktrinarismus oder gar von kapitalistischer Interessiert-heit ausgegangen sei; und es sei der Fluch dieser bösen That,dass die übrigen Staaten gegen ihre bessere Einsicht und gegenihren Willen gezwungen worden seien, Deutschland auf diesemWeg Folge zu leisten; auf diese Weise sei durch Deutschlands unbedachtes Vorgehen die währungspolitische Entwicklung derganzen Welt in verkehrte und unnatürliche Bahnen geleitetworden; deshalb wurde die damals eintretende starke Silber-entwertung, welche man vielfach als einzig und allein durch diewährungspolitischen Umwälzungen veranlasst ansah, auf diedeutsche Münzreform als auf ihre Grundursache zurückgeführt.

Von seinen Gegnern ist Bamberger oft vorgeworfen worden,dass er die Zunahme der Silberproduktion einseitig als Ursacheder Silberentwertung in den Vordergrund gestellt habe. Bis aufden heutigen Tag sind die Anhänger des Silbers, die sich, wieBamberger treffend bemerkte, auf ihr loyales Festhalten an demgefährdeten Weltherrscher, gleich den treuen Anhängern einergestürzten Dynastie, etwas zu gute thun, stets bereit, daraufhinzuweisen, dass auch die ausserordentliche Vermehrung derGoldproduktion sowohl um die Mitte als auch im letzten Jahr-zehnt des 19. Jahrhunderts nicht zu einer Entwertung desGoldes im Verhältnis zum Silber geführt habe, und sie wollen