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gegen gelang es ihr, in weiten Kreisen die Auffassung zu ver-breiten, dass die deutsche Münzreform und namentlich die zuderen Durchführung von der deutschen Regierung vorge-nommenen Silberverkäufe an der ganzen Kalamität schuld seien.Geflissentlich wurde die Behauptung wiederholt, dass Frank-reich bei aller Vorliebe für das bimetallistische System nur„durch die Invasion der preussischen Thaler" zur Beschränkungder Silberprägung gezwungen worden sei, eine Behauptung, dieschon dadurch widerlegt ist, dass die Einschränkung der Silber-prägung in Frankreich und Belgien bereits im September 1873 er-folgte, ehe die Reichsregierung auch nur ein Pfund Silber aufden Markt gebracht hatte. Natürlich fand diese Behauptungauch in Deutschland gläubige Anhänger; sie wurde vor allemvon jenen Kreisen aufgenommen, die von vornherein aus einerunklaren Abneigung gegen die „liberale Gesetzgebung" undgegen die moderne wirtschaftliche Entwicklung der Goldwährungfeindlich gesinnt waren. Diese Leute triumphierten bereitsüber das Scheitern der Goldwährung, als im Jahre 1874 derGoldabfluss und die Steigerung der Wechselkurse eintrat. Dieganze Richtung ist charakterisiert in ihren Führern, demAgrarier Niendorf und dem Klerikalen Schröder-Lippstadt, dersich bei der Bankgesetzgebung durch seine absurde Prophe-zeihungüber den Goldankauf der Reichsbank biossgestellt hatte.*)
Nachdem die kritische Zeit von 1874 und 1875 glücklichüberwunden war, begannen die Silberentwertung und die aus ihrentstehenden Verluste bei den deutschen Silberverkäufen dendeutschen Gegnern der Goldwährung Vorschub zu leisten. Inden Jahren 1877 und 1878 wurden im Reichstag diese Punktegegen die Fortsetzung der deutschen Münzreform ins Feld ge-führt, aber die ganze Bewegung fand wenig Beachtung. Siebegann gefährlich zu werden nicht aus sich selbst heraus, son-dern infolge der Schwenkung der Wirtschaftspolitik der Reichs-regierung.
Bismarcks Übergang zum Schutzzollsystem konnte sichnicht vollziehen, ohne das Verhältnis des Reichskanzlers zu denParteien und deren Führern stark zu verschieben. Ein Teilseiner bisherigen Mitarbeiter und Anhänger geriet zu ihm in
*) Siehe oben S. 74.