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einen unüberbrückbaren Gegensatz. Es traf sich, dass daruntersich gerade diejenigen Leute befanden", welche sich um dieMünzreform die meisten Verdienste erworben hatten: Delbrück ,der die Wendung kommen sah, schied bereits im Frühjahr 1876aus seinem Amte aus. Michaelis wurde im Jahre 1879 in eineder aktiven Wirtschaftspolitik entrückte Stellung befördert, indemer zum Vorsitzenden der Verwaltung des Reichsinvalidenfondsernannt wurde.
Am schärfsten spitzte sich der Gegensatz zu zwischen Bis-marck und den freihändlerisch gesinnten Führern der national-liberalen Partei, die bisher mehr als alle andern Parteien dieBismarck'sche Politik unterstützt hatte. Bismarck war stark ge-reizt dadurch, dass er bei seinen schutzzöllnerischen Plänen beiMännern wie Lasker, Forckenbeck und Bamberger auf den ent-schiedensten Widerstand stiess. Er fürchtete, diese Männer,die ihm bisher in den wichtigsten Fragen treu zur Seite ge-standen, könnten ihm die nationalliberale Partei, auf welche erzur Bildung einer ihm ergebenen Mehrheit im Reichstag ange-wiesen war, entfremden, und seine Gefühle gegenüber diesenPolitikern wurden immer weniger freundschaftlich.
Auf der andern Seite waren die eifrigsten Anhänger desSchutzzollsystems Gegner der Goldwährung, so vor allemv. Kardorff, der zwar noch im Jahre 1875 die unvollständigeDurchführung der Goldwährung bedauert hatte, der aber in-zwischen zum eifrigen Bimetallisten geworden war.
Die Gefahr lag nahe, dass der Umkehr in der Handels-politik eine Wendung in der Währungspolitik folgen werde.Freilich sprach bis ins Jahr 1879 hinein Bismarcks Haltung gegeneine solche Möglichkeit. Als im Jahre 1878 die VereinigtenStaaten Einladungen zu einer Münzkonferenz nach Paris erliessen,um Massregeln zur Wiederherstellung des Silberwertes zu be-raten, lehnte Bismarck die Beschickung der Konferenz ab.Noch durch ein Gesetz vom 30. März 1879 wurde der Reichs-regierung ein neuer Kredit von 25 Millionen Mark zur Durch-führung der Münzreform bewilligt.
Um so grösser war die Überraschung, als plötzlich Gerüchteauftauchten und ihren Weg in die Presse fanden, [die Reichs-regierung beabsichtige, die Silberverkäufe einzustellen. Ja, es
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