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war davon die Rede, der Reichskanzler sei geneigt, zur Durch-führung der Doppelwährung die Hand zu bieten.
Diese Gerüchte erhielten eine gewisse Glaubwürdigkeit da-durch, dass die offiziöse Presse anfing, eine feindliche Haltunggegenüber der Goldwährung einzunehmen; und die Einstellungder Silberverkäufe wurde für den Kreis der sich für die Münz-reform interessierenden Politiker bald zur Gewissheit durchfolgenden Vorgang, den ich nach Aufzeichnungen Bambergerserzähle.
Mitte Mai 1879 knüpfte Bismarck an einem seiner parla-mentarischen Abende mit dem Reichstagsabgeordneten Mösle(Bremen ) ein währungspolitisches Gespräch an. Er setzte ihmauseinander, welche Verwirrrung auf dem Silbermarkt durchdie deutschen Silberverkäufe hervorgerufen worden sei. Sokönne es nicht weiter gehen. Die deutschen Silberverkäufemüssten eingestellt werden, um die Wiederkehr normaler Ver-hältnisse zu ermöglichen.
Mösle, der an der Gesetzgebung über die Geldreform leb-haften Anteil genommen hatte, war über diese Erklärung imhöchsten Grade verblüfft. Sobald das Gespräch beendigt war,ging er zu dem Reichsbankpräsidenten von Dechend, der sichgleichfalls unter den Anwesenden befand, um ihn über denneuesten Entschluss des Reichskanzlers zu befragen. Der Reichs-bank war seit dem Ende des Jahres 1877 die Leitung der Silber-verkäufe übertragen, und es war deshalb anzunehmen, dassvon Dechend in dieser Frage in erster Linie unterrichtet sei.
Der Reichsbankpräsident war indessen nicht weniger er-staunt, als es vorher Mösle gewesen.
„Was?" sagte er, „wir sollen die Silberverkäufe einstellen?— Daran denkt ja kein Mensch."
Mösle berichtete ihm über sein Gespräch mit dem Reichs-kanzler; v. Dechend glaubte seinen Ohren nicht zu trauen undging zu dem Fürsten , um sich zu überzeugen.
Nach einiger Zeit kam er zu Mösle zurück.
„Ja," sagte er, „es ist wahr. Die Situation ist sehr ernst.Es wird etwas geschehen müssen."
Es ist später immer wieder behauptet worden, die Initiativezur Einstellung der Silberverkäufe sei von Herrn v. Dechendausgegangen, ja dieser hat im Reichstag selbst erzählt, er habe