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Es stimmt dies mit einem Grundzug der menschlichen Natur,dass das Entbehrliche höher gestellt wird als das Unentbehr-liche, die Kunst über das Handwerk, die Hingebung über dieSelbsterhaltung, so auch das, was zum Schmuck des Daseinsdient, über das, was zu dessen Fristung notwendig. Die mytho-logische Formel des „Eisernen Zeitalters" als des unerfreutestenund unedelsten sagt alles mit einem Worte. Nur Metalle, dienicht zum gemeinen Leben gebraucht wurden, konnten dieHerrschaft über die Phantasie der Menschen in dem Grade er-langen, um sie masslos zu unterjochen. Je weiter sich derSinn von der Notdurft des Lebens entfernt, desto mehr steigter vom Gemeinen und Dienenden zum Erhabenen und Herr-schenden auf. Erst als die Verwendung zu blossem Luxus inVerbindung mit ihrer relativen Seltenheit und Unzerstörbarkeitdahin geführt hatte, die Edelmetalle zu Massstäben und Tausch-mitteln gegenüber allen anderen Dingen zu machen, erst dannkonnte und musste aus dieser Gewohnheit allmählich in demmenschlichen Gehirn sich eine Vorstellungsweise herausbilden,die nun selbst wiederum der Herrschermacht des glänzendenStoffes als einer überlegenen unterwürfig ward. Nachdem erdas endliche Mass und Erwerbsmittel aller irdischen Güter ge-worden, befestigte sich seine Herrschaft als eine selbständige.Wir haben hier ohne Zweifel einen ganz analogen Entwicklungs-gang der menschlichen Denkungsart wie in der Herausbildungder Sittengesetze. Ursprünglich aus den Bedingungen der Selbst-erhaltung im engeren und weiteren Sinne aufgekeimt, erlangensie im Laufe der Entwicklung eine Kraft, die ihrerseits wiederallmählich zu etwas auf eigenen Füssen Stehendem sich empor-arbeitet und als causa sui den Menschen so mächtig imponiert,wie sie es thun muss, damit die Gesellschaft auf der sicherenGrundlage spontaner Empfindung, statt auf der unzuverlässigenVerstandsreflexion, ruhe. Des Goldes berückender Glanz, der„heilige Golddurst", sie arbeiten heute als Elementarkraft imgesellschaftlichen Apparat mit einer Wirksamkeit, welche zuallem aus ihrem Rohstoff erzielbaren Nutzen und Vergnügenin gar keinem Verhältnis mehr steht.
Je mehr sich aber die Herrschaft dieser Tyrannen losgelösthat von den ersten Ursachen ihres Emporkommens, je mehrsie sich auf eigene Fiisse gestellt haben und, ohne irgend anderer