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Rechtfertigung zu bedürfen, sozusagen von Gottes Gnadenlegitim geworden sind, desto weniger, sollte man denken, könnteeiner oder der andere von ihnen Gefahr laufen, durch eine blosseVerschiebung im wirtschaftlichen Mechanismus des Throns ver-lustig zu werden. Soviel ist auch wahr, dass das Prästigiumder viel tausendjährigen Herrlichkeit eine Zeitlang seine Wider-standskraft den auf sie andringenden unterwühlenden Strömungensiegreich entgegenhält; dass es an treuen, überzeugten Anhängernder morschen Dynastie nicht fehlt und auf lange hin nichtfehlen wird; ja dass — damit die Ähnlichkeit noch grössersei — diese Anhänger sich auf ihr loyales Festhalten an demgefährdeten Herrscherhaus etwas zugute thun und seine Gegnerals frivole Neuerer verunglimpfen.
Und dennoch rückt das Verhängnis sichtbar heran. Wasvor wenigen Jahren die meisten noch zuzugeben sich weigerten,ist heute eingestandene Thatsache. ' Die tauben Ohren allehaben sich eines nach dem andern dem Alarmruf öffnen müssen.Eine Herrschaft von Gottes Gnaden währt eben noch häufiglange fort, wenn der Gott und die Gnade, denen sie ihr Reichverdankten, längst zerstört sind; aber es liegt doch nur einzeitlicher Unterschied zwischen dem Verschwinden der Ursacheund dem Verschwinden der Wirkung. Auch das geheimnis-vollste Wesen leitet sein Bestehen von ganz bestimmten Ur-sachen ab, und gerade, wenn sein Bestand ins Wanken kommt,fangen wir an, die Wurzeln seiner Kraft gewahr zu werden.So auch hier.
II.
Zwei Bewegungen aus der Gesamtheit derer, welche denFortschritt der menschlichen Gesittung charakterisieren, habenwir an dieser Stelle ins Auge zu fassen. Mit dem Philosophenzu reden, gehört die eine dem Reich der Ausdehnung, dieandere dem Reich des Denkens an. In räumlichen Dingengeht ein Zug der Zivilisation ganz sichtbar dahin, ' das Lebenzu erleichtern; und zwar im wörtlichsten Sinne des Wortes.Es handelt sich um die Tendenz, alles Körperliche, was derMensch zu tragen oder in Bewegung zu setzen hat, so wenigumfangreich, beziehungsweise so wenig schwerwiegend herzu-