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zu schauen, löst sich alles in Zweifel auf, und man brauchtnicht einmal daran zu erinnern, wie vergänglich schon die schönstenTheoreme sich bewiesen haben, um davor zu warnen, daspraktische Staatsleben nicht den Experimenten des Studier-tisches zu überliefern, die noch unendlich viel gefährlicher sind,als die des grünen Tisches der Büreaukratie. Denn die Büreau-kratie kommt wenigstens mit den harten Proben des Lebensund mit den fliessenden Gestaltungen der staatlichen Aufgabenin empfindliche Berührung. Die Professoren aber — an diedenkt man vorzugsweise bei der Selbstverherrlichung derWissenschaft — kommen oft zu keiner anderen Probe auf dieRichtigkeit ihrer Experimente, als dass sie sie auf ihr Papierniederschreiben oder vor andächtigen Jünglingen vortragen.Und allerdings ist gerade daraus das Uebermass von Selbst-bewusstsein herzuleiten, an dem so manche derselben — glück-licherweise lange nicht alle — leiden, weil das Netz, in das siesich zwischen Studierzimmer und Hörsaal einspinnen, auchnicht vom leisesten Hauch der Aussenwelt erschüttert wird.
Der grosse Gelehrte Rudolph Lotze pflegte zu sagen: diedurchschnittliche Lebensdauer einer physiologischen Wahrheitist drei bis vier Jahre. Wenn das schon für die exakte Natur-wissenschaft gesagt werden konnte, wieviel berechtigter ist dieSkepsis der abstrakten Wissenschaft und gar der Sozialpolitikoder Volkswirtschaft gegenüber! Welche stattliche Reihe vonwissenschaftlichen Wahrheiten haben wir seit dem vorigenJahrhundert dahin sinken sehen! In den Anfangszeiten der Na-tionalökonomie herrschten die französischen Physiokraten mitder wissenschaftlichen Wahrheit, dass aller Nationalreichtumnur aus dem Grund und Boden herrühre. Ihnen folgte dieEpoche des Adam Smith mit der Freihandelslehre, die bis vorkurzem allmächtig die Doktrin bei uns und in anderen Ländernbeherrschte. Daneben kam die Lehre des Malthus von den un-erbittlichen Gesetzen der Bevölkerungstheorie auf und RiccardosLehre von dem Ursprünge der Grundrente, alle eine Zeit langhochgepriesen, dann wieder verworfen und schliesslich nochheute mehr oder weniger umstritten. Ähnliches gilt von demuns hier ganz nahe berührenden Kampf der Schulen um dassogenannte Bank- und Currencyprinzip. Haben wir nicht auchdie schönsten wissenschaftlichen Demonstrationen mit abwech-