Druckschrift 
Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen / von Ludwig Bamberger. Im Auftr. ... hrsg. von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
600
Einzelbild herunterladen
 

6oo

einiger Zeit wieder sich einzulullen mit dem klugen Refrain:Man wird es nicht wagen".

Nun, diesmal ist doch das Wagnis um ein schön Stückweiter gediehen. Denn wir haben es nicht mehr mit Reichs-tagsmehrheiten zu thun, sondern mit der Reichsregierung.Das ist das Neue und das Schlimme. Zwar ist die Schlaflustder Ruhebedürftigen auch jetzt schon wieder mit einem be-sänftigenden Tränklein zur Stelle. Der Reichstag hat ja nurbeschlossen, die Regierungen zur Veranlassung einer internatio-nalen Münzkonferenz einzuladen, und der gute Reichskanzlerhat freundlichst hinzugesetzt, das präjudiziere vorerst unsererbestehenden Währung gar nicht.

So harmlos ist auch das schon nicht. Denn niemals hateine deutsche Regierung sich dazu herbeigelassen, auch nurentfernt an etwas der Art zu denken, zu Zeiten, wo das nochweniger unverzeihlich gewesen wäre.

Doch das Bedenklichste liegt noch anderwärts, nämlich inden Erklärungen und in der Haltung des Staatssekretärs desReichsschatzamtes, Grafen von Posadowsky , in der entscheiden-den Sitzung, am zweiten Tag der Währungsdebatte, 16. Februar.Mir scheint, dieser weitaus wichtigsten Episode ist bis jetzt langenicht die verdiente Aufmerksamkeit zu teil geworden. Auchder Handelstag in seinem dankenswerten Beschluss hat nur denAntrag und die Erklärung des Reichskanzlers erwähnt.

Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes ist der berufeneVertreter der Gesamtregierung in der Währungsangelegenheit.Seine Haltung muss als die massgebende angesehen werden.Auch ist er viel näher als der Kanzler auf die Sache einge-gangen. Und da haben wir es erlebt, dass zum ersten Mal,seitdem das Reich besteht, sein offizieller Vertreter die Richtig-keit der in den Jahren 1871 und 1873 beschlossenen und bisauf den heutigen Tag durchgeführten Münzreform in Frage ge-stellt hat. Etwas Ähnliches war nie geschehen, und daherkonnten bis jetzt mit einigem Recht die Vertreter von Handelund Gewerbe sich bei dem Gedanken beruhigen, wenn auchparlamentarische Mehrheiten Schädliches beschliessen sollten,die Reichsregierung werde nimmer darauf eingehen. Das liesssich nach beinah fünfundzwanzigjähriger gleichmässiger Haltungerwarten. Auch unter Fürst Bismarck war davon niemals ab-