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dem alten, schönen Gruß Gutenbergs und seinerM M M Jünger dürste wohl am besten diese Festschrift ein-
> I > geleitet werden, die einem blühenden Unternehmen
W gewidmet ist. das Gutenbergs Kunst aus Augsburger
> Boden populär gemacht und ihr zu Ansehen und im Laufe derM Jahrhunderte sogar zu einem gewissen Ruhme verholfen hat.M Wenn heutzutage bei der enormen Entwicklung des Zeitungs-
Wesens auch nicht mehr in dem Sinne von Kunst gesprochenwerden kann wie zur Zeit des Erfinders Gutenberg, wenn auchder Gruß heute schon mit größerer Berechtigung lauten könnte: „Gott grüß die Technik!", so ist der alte, herzhafte Gruß doch noch insofernevon Bedeutung, als gar manches im ausgedehnten Zeitungsbetriebemit dem hochwertigen Wörtchen Kunst viel gemein hat.
Da braucht man nur eine komplizierte „ Setzerseele " zukennen, die sich mit Recht als Elite der Arbeiterschaft einschätzt, dieihr Schassen, wieder mit Recht, als ein Stückchen Kleinkunst preist,die mit den Schöpfungen der besten Köpfe am ersten und vielleicht amlängsten Freundschaft schließt oder ihnen Feindschaft ansagt, dne sichmit des Lebens Freud und Leid sozusagen berufsmäßig beschäftigt;man braucht nur so eine Setzerseele zu kennen, um sofort dasWörtchen Kunst mit ihr in Berbindung zu bringen. Lesekünstler sindsie aber ganz gewiß, diese Schriftsetzer! Das muß ihnen die Mehrzahlder Redakteure mit der sprichwörtlich gewordenen miserablen Schriftehrlich bestätigen. Also: „Gott grüß die Kunst!"
Mag der Gruß zuallererst ausschließlich für die Buchdruckergegolten haben, heute, da sich die von ihnen hergestellte Zeitungfast die ganze Welt erobert hat. findet der Gruß auch ein wenig ausjene Anwendung, die man im Organismus des modernen Zeitungs-betriebes den Kopf heißen kann; es sind die Redakteure. Nichtelwa. weil Kunst und Phantasie engverwandte Begriffe sind undweil die Redakteure zuweilen viel, sehr viel Phantasie entwickelnmüssen, verdienen sie mit der Kunst in Zusammenhang gebracht zuwerden. Ich denke auch nicht an die bekannten Sensations- undSchwindelnachrichten, wenn ich der Phantasie des Redakteurs Erwäh-nung tue. Daran sind die Redakteure so wenig schuld wie einer, derein raffiniert gefälschtes Geldstück empfängt und es im guten Glaubenwieder ausgibt, mit echtem Gelds bezahlt zu haben. Ich denke viel-mehr an hundert und aberhundert Manuskripte, die zum großen Teilals Mißgeburten oder wenigstens als recht schwache Geschöpfe aufdem Redaktionstische liegen und erst durch radikal-operative Eingriffemit Hilfe des Wissens, des Taktes, des Weltverstehens oder derPhantasie des Redakteurs zu lebensfähigen, ansprechenden Produktengemacht werden. Das erfordert oft mehr Kunst als ein feingeschlif-fener Essay. Ich denke ferner an die Tätigkeit des Chefredakteurs,der zu allen brennenden Fragen in konsequenter und zielbewußterWeise Stellung zu nehmen hat und dabei oft den verschiedenstenGesichtspunkten und Interessen Rechnung tragen muß. Diese Aufgabein taktisch-kluger Weise zu lösen, ist eine größere Kunst, als derFernerstehende, der nicht hinter die Kulissen sieht, zu ermessen inder Lage ist. Aber die Kunst ist mit den Redaktionen oft noch enger
verknüpft als auf die eben geschilderte Art. Fast alle bedeutendenDichter und Schriftsteller haben sich irgend einmal, meist zu Anfangihrer Laufbahn, die Redaktionssporen verdient. Gibt es eine bessereSchule für die Bildung von Charakteren, für die Menschenkenntnis,für die Erziehung zur ausdauernden, opferfreudigen Arbeit, für dasgroße Gebot: Erkenne dich selbst durch die Fehler und Schwächen derandern!, gibt es eine bessere Schule und eine gewissenhaftere Prü-fung für die eigene Kraft, für Herz und Verstand, für das Dulden undKämpfen als eine Nedaktionsstube. darinnen Schlachten um Idealeund Weltanschauungen geschlagen und Enttäuschungen verwundenwerden, die ein vergebliches, begeistertes Ringen um den Sieg gebrachthat? Die Redaktionsstube ist die lebensvolle Hochschule für jenen,der der Kunst entgegenreifen will! Und wenn auch manch „lyrischerJüngling", der auf dem Feuilletonredakteursessel glaubte, ein Meisterder Kunst zu werden, im Kampfe um das Großwerden im Reiche derKunst unterlag und immer und immer nur sein Zeitungstagewerkvollbrachte und endlich sein Leben im Dienste der Zeitung beschloß: erhat vielleicht mehr künstlerisch und im besten Sinne erfolgreichererzieherisch gewirkt als mancher seiner ehemaligen Kollegen, die sichim blendenden Lichte des großen Glückes und des berauschendenErfolges sonnen durften. Drum auch in diesem Sinne: Gott grüßdie Kunst!
Die kunstfertigen Hände der Zeitung sind die Setzer, Druckerund die Maschinen, ihr Kopf ist die Redaktion und ihr Herz derVerlag oder die Direktion. Und wie die Kunst nicht nur mit denHänden und dem Kopfe schaffen kann, sondern auch gewaltige An-sprüche an eine intensive Bethätigung des Herzens stellt, so tut diesauch die Zeitung, wenn sie gedeihen will. Und so gilt auch für dieDirektion das inhaltvolle Wort: Gott grüß die Kunst! Was für eineUnsumme täglicher, planmäßiger und mühevoller Arbeit lastet aufihren Schultern! Ist von dem technischen Personal, von den Redak-teuren und Beamten der verschiedenen anderen Abteilungen jeder aufseinem Posten — sie ist überall engagiert, muß überall raten undtaten, muß Kunstsinn mit Geschäftssinn paaren, muß Neuerungen undVorteile für das Wohl und die Weiterentwickelung des Blattes, fürdie Befriedigung und Bequemlichkeit seiner Leser ersinnen und durch-führen und dabei stets vorsichtig abwägen und kühl berechnen und sodas Ganze in srfolgverbürgendem Gleichgewicht erhalten. Dabeibedarf sie — ähnlich wie der menschliche Organismus — gut funk-tionierender Nerven, welche den ständigen Kontakt zwischen ihr undden übrigen Gliedern herstellen, an dieselben ihre Direktiven weiter-leiten und bei deren Realisierung regulieren und überwachen. Dassind die Vorstünde der einzelnen Abteilungen und im technischenBetriebe vor allem der Betriebsleiter. Diese Posten erfordern heutebei dem hastenden Pulsschlag unserer rastlos strebenden Zeit ganzeMänner, und wenn „Kunst" von einem wahrhaft nicht geringen undnicht im landläufigen Sinne verstandenen „Können" abgeleitetwird, dann gelten diesen Männern nicht zuletzt aus ehrlichem Herzendie frohen Worte:
„Gott grüß die Kunst!"