Die TntwiMttng öes Ieitungsrve^ens.
Es ist ein gewaltiger Weg, der von den Blättern, die um dieWende des 17. und 18. Jahrhunderts etwa in der Grütze eines Brief-papiers in Quartformat erschienen und die den Anfang der deutschen Tagespresse darstellen, bis zu den umfangreichen Folioausgaben derZeitungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt. Der Ausdruck„Zeitung" war ursprünglich gleichbedeutend mit Nachricht. Immerund besonders in politisch und religiös bewegten Zeiten ivar es dasBedürfnis der Allgemeinheit, Nachrichten von Ereignissen in eigenenoder fremden Ländern zu erhalten. So entstand im 16. Jahrhundert,der Zeit der Reformation und der Territorialkriege Karls V. inDeutschland die F I u g b l a t t l i t e r a t u r. Das Flugblatt berichtetevon den „bewegten Zeitlänfften", es erzählte von den Türkenkriegen,es brachte „wnrhafftige und gewiss newe Zeittung" von der LandungKarls V. in Algier , es vermittelte die Kunde von der wunderseltsamenneuen Welt jenseits des Ozeans, und es berichtete von „erschrecklichen"Naturerscheinungen und knüpfte an das Sichtbarwerden von Kometenund das Niederfahren von Meteoren lehrsame Betrachtungen, datz derWelt Ende bevorstehe. Es beschrieb Hochzeiten und Totenfeiern fürst-licher Personen und illustrierte dies mit plumpen Holzschnitten. Auchdem kirchlichen Streit diente das Flugblatt. Was das Flugblatt vonder Tagespresse unterschied, war, datz es nicht regelmässig erschien.Anknüpfend nii die Zeitereignisse wurde es nach Bedarf gedruckt undauf Jahrmärkten und Messen feilgeboten. Für das breite Volkblieb das Flugblatt bis über den Dreissigjährigen Krieg hinaus derVermittler von Nachrichten, und im allgemeinen vermochten diesezufälligen und unregelmätzigen Publikationen dem Bedürfnis desgemeinen Mannes nach Neuigkeiten zu entsprechen. Anders hielt esder Großkaufmann: für ihn standen hohe Werte auf dem Spiele,wenn die Sicherheit der Strassen durch fremdes Kriegsvolk gefährdetwurde, wenn der Türke sich erhob und der Himmel sich rötete vomScheine brennender Dörfer, wenn die Kaperschiffe der KöniginElisabeth den feindlichen Kauffahrer aufbrachten oder andere Piratendes Meeres Wege und Pfade unsicher machten. Aus rein praktischenBedürfnissen entstand deshalb eine Einrichtung, ähnlich den zuerst inVenedig aus Gesandtschaftsberichten hervorgegangenen Veröffent-lichungen: es waren dies regelmätzige briefliche Nachrichtensamm-lungen. Allwöchentlich trafen in den oberdeutschen und rheinischenHandelsemporien, in Augsburg. Nürnberg, Köln und anderenStädten, die an den grossen Handelsstratzen gelegen waren, auf denenregelmätzige Posten verkehrten, Nachrichten ein aus Rom, Venedig,Paris, Madrid, London. Wien und anderen Hauptorten, in denen sichdas politische und wirtschaftliche Leben der Völker konzentrierte. JaKorrespondenzen des grotzen Handlungshauses der Fugger, sogenannte„ Fuggersche Zeitungen", enthielten um 1600 schon zuver-lässige Nachrichten über Persien, Indien und die Neue Welt.
Aus dem nach Bedarf zur Ausgabe gelangenden gedruckten Flug-blatt und den regelmätzigen brieflichen Meldungen ist in Deutschland die erste r e g e l m ä tz i g erscheinende gedruckte Zeitungentstanden. Sie wurde 1609 in S t r a tz b u r g herausgegeben und wareine Wochenzeitung. Sechs Jahre später folgte ihr in Fra n k fürtam Main ein Wochenblatt, das sich später „Frankfurter Journal"nannte. Deutschland ist auf diesem Gebiete allen Ländern voran-gegangen. denn während in Frankreich erst 1631 und in England 1632die erste regelmätzige Zeitung erschien, hatte Deutschland um 1630schon 24 gedruckte Wochenblätter auszuweisen. Dem nach dem Dreitzig-jährigen Kriege mächtig aufblühenden Leipzig war es vorbehalten,die e r st e Tageszeitung zu gründen: es war die „LeipzigerZeitung", die vom 1, Januar 1660 ab wöchentlich sechsmal und vom29. April 1666 ab siebenmal erschien. England kann eine Tageszeilungerst 1702, Frankreich gar erst 1777 ausweisen. Gegen Ende des 17 undbis zur Mitte des 18, Jahrhunderts sind besonders in Mittel- undNorddeutschland mehrere Tageszeitungen entstanden, während Wien ,wo bereits um 1620 drei Zeitungen zweimal in der Woche erschienen,die aber um die Mitte des Jahrhunderts sämtlich wieder verschwundenwaren, erst 1671 wieder eine Wochenzeitung erhielt. 1687 wurde die„ A u g s p u r g i s ch e Ordinari Post-Zeitung" als Wochen-blatt gegründet: sie hat sich bald zu einer Tageszeitung entwickeltund ist eines der wenigen von den damals ins Leben gerufenen Blät-tern, die heute noch existieren und somit auf eine mehr als zivei-hundertjährige, stolze Vergangenheit zurückblicken können.
Die Zeitungen des 17. Jahrhunderts enthalten nutzer dernackten Wiedergabe politischer Nachrichten nur lokale Bekannt-machungen der Obrigkeit und Anzeigen privaten Charakters. Wasihnen fehlte, war die Besprechung öffentlicher Zustände und Vorgänge,die Kritik öffentlicher Einrichtungen und Raisonnements über poli-tische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Fragen, sie entbehren alsoeines Inhalts, den wir heute unwillkürlich dem Begriff Tagespressegeben. Die Zeitung des 17. Jahrhunderts war mit einem Wort einNachrichteninstitut, ähnlich dem heutigen Korrespondenz-Bureau, dasden Leser von gewissen Vorgängen in Kenntnis setzte, ohne auf seinGemüt oder seinen Verstand, sein Urteil und seine Entschlietzungeneinwirken zu wollen: es war eine Presse ohne Journalistik.
Das dreißigjährige Kriegselend hatte eine Erschlaffung zurück-gelassen in dein gequälten Geschlecht jener Tage; man hatte keine Hoff-nung mehr auf die Zukunft und lietz den Dingen ihren Lauf EinWandel trat erst ein mit dem Erwachen eines neuen geistigen Lebens.Und da ist, wie auf so manchem anderen Gebiete, auch für die deutscheTagespresse C h r i st i a n T h o m asius bahnbrechend gewesen: er istderBegründer desdeutschen Iournalismu s, sicherte derdeutschen Sprache zuerst die feste Stellung im Universitätsunterrichteund gab 1688 die e r st e deutsche Monatsschrift unter demTitel: „Scherz- und ernsthafte, vernünftige und einfältige Gedankenüber allerhand lustige und nützliche Bücher und Fragen" heraus. Diefrische Haltung dieser Zeitschrift und englische Literatur-einflüsse imersten Viertel des 16. Jahrhunderts, die umbildend und fördernd aufdie deutsche Literatur wirkten, kamen auch in unserem Zeit-schriftenwesen znr Geltung: denn ungefähr in demselben Jahre fandeine besondere literarische Erscheinung Englands in Hamburg und inder Schweiz Nachahmung, und das waren die morali s ch e nWochenschriften.
Der 1710 in London herausgegebene „Spectator" und der ihm1713 folgende „Guardian " riefen bei ihrem ersten Erscheinen bereitsin England und Deutschland eine Masse von Nachahmungen ins Leben.1713 eröffnete mit einem „teutschen Auszug aus den angelländischenMoralschriften" Hainburg im „Vernünftler" die lange Reihe der deut-schen moralischen Wochenschriften, von denen von 1713 bis zum Endedes Jahrhunderts in Deutschland über 500 erschienen. Um die Mittedes Jahrhunderts hatten die moralischen Wochenschriften bereits anliterarischer und politischer Bedeutung verloren. Inzwischen aberhatten sie ihre Aufgabe erfüllt: sie hatten das Lesebedürfnis gewecktund so den Boden bereitet für eine neue Erscheinung auf literarischemGebiete, für die Wochen- und I n t e l l i g e n z b I ä t t e r. Diesedienten nicht mehr vorwiegend literarischen oder politischen Zwecken:einem sich immer mehr geltend machenden Bedürfnis entsprechend,wollten sie ein Organ sein, das den praktischen Erfordernissen desbürgerlichen Lebens Rechnung trug und Nachrichten enthielt, derenKenntnis für die gewerbe- oder handeltreibenden Bewohner der Stadtvon Wichtigkeit war. Indem sie gegen Bezahlung ihren Raum demPublikum zur Verfügung stellten, vermittelten sie zwischen Obrigkeitund Untertanen, zwischen Käufer und Verkäufer und schufen so eineVerkehrserleichterung, die sich überall schnell einbürgerte. Nebenherwurde durch Aussätze verschiedenen Inhalts für das Unterhaltungs-bedürfnis gesorgt. Von diesen zuerst einmal wöchentlich, später öftererscheinenden Zeitungen ist der größte Teil im Laufe der Jahrzehntewieder eingegangen. Nur eine geringe Zahl hat sich zur Tageszeitungentwickelt, und von diesen können heute nur ganz wenige auf einelange Existenz zurückblicken.
Den größten Aufschwung kann die Tagespresse, wie wir sieheute kennen, seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausweisen, die katho-lische Presse insbesondere seit dem Kulturkampf in den siebzigerJahren. Zu dieser Zeit wurden die meisten Zentrumsblätter gegrün-det. die sich heute in allen katholischen Landesteilen eines großen,treuen Leserkreises erfreuen und infolgedessen zu einer in manchenFragen oft tonangebenden Macht geworden sind.
Aehnlich wie in Deutschland hat sich das Pressewesen in allenKulturstaaten, besonders in England, Frankreich und Amerika , enormentwickelt, so datz die bedeutendsten Männer im politischen,religiösen und k ü n st l e r i s ch e n Leben der heutigenZeit mit der Presse als mit einer „Großmacht" im vollenSinne des Wortes zu rechnen haben.