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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
Entstehung
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92 Erster Theil.

gleichwohl aber (in der sinnlichen Vorstellung) als ganzgegeben beurtheilt werden, Totalität fordert, mithin Zu-sammenfassung in eine Anschauung, und für alle jeneGlieder einer fortschreitend - wachsenden Aahlreihe Dar-stellung verlangt, und selbst das Unendliche (Raumund verflossene Zeit) von dieser Forderung nicht aus«nimmt, vielmehr es unvermeidlich macht, sich dasselbe(in dem Urtheile der gemeinen Vernunft) als ganz(seiner Totalität nach) gegeben zu denken.

Das Unendliche aber ist schlechthin (nicht bloß com-parativ) groß. Mit diesem verglichen, ist alles andere(von derselben Art Größen) klein. Aber, was das vor-nehmste ist, es als ein Ganzes auch nur denken zukönnen, zeigt ein Vermögen des Gemüths an, welchesallen Maaßstab der Sinne übertrist. Denn dazn würbeeine Zusammenfassung erfordert werden, welche einenMaaßstab als Einheit lieferte, der zum Unendlichen einbestimmtes, in Zahlen angebliches Verhältniß hatte:welches unmöglich ist. Das gegebene Unendliche abertennoch ohne Widerspruch auch nur denken zu kön-nen, dazu wird ein Vermögen, das selbst übersinnlichist, im menschlichen Gemüthe erfordert. Denn nurdurch dieses und dessen Idee eines Noumenons, welchesselbst keine Anschauung verstattet, aber doch der Welt-anschauung, als bloßer Erscheinung, zum Substratuntergelegt wird, wird das Unendliche der Sinnenwelt,in der reinen intellectuellen Größenschätzung, unter