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Critik der Urtheilskraft / von Immanuel Kant
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99
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Critik der ästhetischen Urteilskraft. 99

mäßig, eine solche Bestrebung der Einbildungskraft her-vorzubringen: mithin in eben dem Maaße wiederum an-ziehend, als es für die bloße Sinnlichkeit abstoßend war.Das Urtheil selber bleibt aber hieben immer nur ästhe-tisch, weil es, ohne einen bestimmten Begrif vom Ob-jecte zum Grunde zu haben, bloß das subjcctive Spielder Gemüthskräfte (Einbildungskraft und Vernu.ft)selbst durch ihren Contrasi als harmonisch vorstellt. Dennso wie Einbildungskraft und Verstand in der Be-urtheilung des Schönen durch ihre Einhelligkeit, so brin-gen Einbildungskraft und Vernunft hier durch ihrenWiderstreit, subjective Zweckmäßigkeit der Gcmüthskrästehervor: nehmlich ein Gefühl, daß wir reine selbststän-dige Vernunft haben, oder ein Vermögen der Größen-schätzimg, dessen Vorzüglichkeit durch nichts anschaulichgemacht werden kann, als durch die Unzulänglichkeit des-jenigen Vermögens, welches in Darstellung der Größen(sinnlicher Gegenstände) selbst unbegränzt ist.

Messung eines Raums (als Auffassung) ist zugleichBeschreibung desselben, mithin objective Bewegung inder Einbildung, und ein Progrcssus; die Zusammenfas-sung der Vielheit in die Einheit, nicht des Gedankens,sondern der Anschauung, mithin des successiv- Aufge-faßten in einen Augenblick, ist dagegen ein Negressus,der die Zeitbedingung im Progressus der Einbildungs-krast wieder aufhebt, und das Zugleichseyn anschau-lich macht. Sie ist also (da die Zeitfolge eine Bedingung

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